KIRCHENMUSIK

der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland

Johann Sebastian Bach und die Passionstexte

Gerade die Passionen von Johann Sebastian Bach geraten immer wieder in die Kritik, antijüdische Gedanken zu verstärken. Warum gerade Johann Sebastian Bach mit seinen Passionen besonders im Fokus steht, der sich wie andere Komponisten genau an die überlieferten Bibeltexte hält, erschließt sich vielleicht dadurch, dass die Turbachöre durch Einsatz der Stilmittel, die kühne Harmonik und die crescendierende Steigerung durch Wiederholung besonders eindrücklich vertont sind. Die Musik verstärkt die Aussagen der Akteure auf der emotionalen Ebene, bleibt aber wortgetreu am Bibeltext. Durch den Einschub der Choräle, der Arien und Rezitative in freien Dichtungen reflektieren Johann Sebastian Bach und sein Textdichter das Passionsgeschehen und fragen vielmehr nach der Schuld und Sünde von uns allen.

Eine Gruppe aus der Landessynode der EKM hat sich dem Thema angenommen und stellt für Ausführende und Zuhörende Materialien zu den beiden Passionen zusammen, die gerne für die Probenarbeit, aber auch die Aufführungen und Texthefte verwendet werden können.

Bach in der Kritik?

Texte

Bachs Passionsmusiken tragen die biblischen Erzählungen mit großer Eindringlichkeit in unsere Zeit. Die Evangelien entstanden in einer innerjüdischen Auseinandersetzung des 1. Jahrhunderts – lange bevor es ein „Christentum“ gab. Wenn sie von „den Juden“ sprechen, meinen sie eine bestimmte Führungsschicht in Jerusalem, nicht ein ganzes Volk. Bach übernimmt diese Sprache unverstellt, und gerade deshalb berühren und beunruhigen uns seine Passionen bis heute.

In diesen Texten zeigt sich ein altes biblisches Motiv: Die Geschichte Israels wurde immer schon auch Spiegel der Menschheit erzählt. In ihrem Vertrauen und ihrem Scheitern, in ihrer Treue und ihrem Versagen begegnen uns die Möglichkeiten unseres eigenen Herzens. Doch der christliche Antijudaismus hat diesen Spiegel über Jahrhunderte verzerrt – und zerbrochen. Das gehört zu den schweren Lasten unserer Tradition.

Kontexte

Wir hören die Passionen heute mit wachsameren Ohren. Die Geschichte des Antisemitismus hat sich in unser kollektives Gedächtnis eingeschrieben – und sie wirkt fort. Worte, die einst eine innerjüdische Konfliktsituation beschrieben, wurden später benutzt, um Hass zu schüren und Schuld auf „die Juden“ abzuwälzen. Die Shoah markiert den erschütternden Tiefpunkt dieses Weges.

Und heute erleben wir, dass sich alte Muster wieder zeigen. Judenfeindliche Sätze werden erneut sagbar, manchmal verhüllt, manchmal offen. Bilder, von denen wir hofften, sie seien verschwunden, tauchen wieder auf. Deshalb nehmen wir sensibel wahr, dass auch in unseren Aufführungen alte Feindseligkeiten unbewusst aufklingen können. Das macht deutlich, wie nötig ein sensibles Verstehen der Passionstexte ist.

Inszenierung

Bachs Passionen öffnen Räume des Mitgehens, in denen wir uns selbst wiederfinden können. Chor und Solist*innen übernehmen Rollen, die uns nicht fremd sind. Petrus, Pilatus, die Jünger, die Juden werden zu Spiegelbildern unserer selbst.

Wenn „O Mensch, bewein dein Sünde groß“ erklingt, spricht der Text nicht von der Schuld anderer, sondern von der eigenen Verantwortung. Und wenn der Chor „Kreuzige ihn!“ ruft, lädt die Musik uns nicht ein, Menschen der Vergangenheit zu verurteilen, sondern vor diesem Ruf zu erschrecken – damit er in keiner Gestalt wieder aus unseren Mündern kommt. Die Passionen zeigen uns, wozu Menschen fähig sind: im Guten und im Zerstörerischen. Und sie tun es, indem sie uns einen Spiegel vorhalten.

Schluss

Sind Bachs Passionen also judenfeindlich? Diese Frage beanwortet nicht allein der Text oder die Musik. Entscheidend ist, wie wir sie heute hören, deuten und einordnen – und ob wir bereit sind, uns dem Spiegel zu stellen, den sie uns vorhalten.

Hören wir sie so, dass sie uns sehend machen – nicht für die angebliche Schuld der Anderen, sondern für unser eigenes Spiegelbild?

Der Passions-AG gehörten an:
LKMD Ingrid Kasper, Seniorin Pfarrerin Dr. Jutta Noetzel, Landeskantorin Stefanie Schneider, Prof. Dr. Manuel Vogel und Kirchenrätin Charlotte Weber 

Vertiefende Texte zum Herunterladen