Herzlich willkommen auf den Internetseiten der Kirchenmusik in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland!

Kirchenmusik - das ist Singen der Gemeinde, Orgelspiel, Klang der Posaunenchöre, Chorgesang, Konzert ... und die ganze Vielfalt traditioneller und neuer Kompositionen, die auf ihre Weise Gottes Wort verkündigen, die erfreuen, trösten und zum Glauben einladen.

Viele Menschen in unseren Kirchengemeinden haben besonderen Anteil daran, dass Kirchenmusik erklingt und gepflegt wird: Sängerinnen und Sänger in den Erwachsenen-, Jugend- und Kinderchören, Bläserinnen und Bläser in den Posaunenchören, Mitglieder von Instrumentalgruppen und Bands, neben- oder ehrenamtlich tätige Chorleiterinnen, Chorleiter, Organistinnen und Organisten sowie die hauptberuflichen Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker.

Auf landeskirchlicher Ebene unterstützen und fördern die Kirchenmusik

  • das Referat Gemeinde/Kirchenmusik im Landeskirchenamt
  • das Zentrum für Kirchenmusik in Erfurt
  • das Posaunenwerk
  • das Kirchenchorwerk
  • der Kirchenmusikerverband
  • die kirchenmusikalischen Ausbildungsstätten

In den Propsteien und Kirchenkreisen sind Propsteikantorinnen und Kreiskantorinnen und -kantoren eingesetzt, die in diesen Regionen besondere Verantwortung für die Kirchenmusik tragen.

Gedanken zu den Wochenliedern

Im Jahr 2012, dem Themenjahr "Reformation und Musik", bezog sich das "Wort zur Woche" in der mitteldeutschen Kirchenzeitung GLAUBE+HEIMAT auf das Wochenlied. Autoren waren dabei überwiegend Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker.  Die Texte können Sie hier nachlesen:

 

Uns geht es gut, wir haben etwas zum Teilen

23. Dezember 2012

Nun jauchzet, all ihr Frommen, zu dieser Gnadenzeit, weil unser Heil ist kommen, der Herr der Herrlichkeit, zwar ohne stolze Pracht, doch mächtig, zu verheeren und gänzlich zu zerstören des Teufels Reich und Macht.
(Evangelisches Gesangbuch 9, Strophe 1)

»Nun jauchzet, all ihr Frommen!« Was ist das für ein altes Vokabular? Richtig, der Text stammt ja auch von 1640, von Michael Schirmer, wie seine Melodie aus demselben Jahr von Johann Crüger. Der Dreißigjährige Krieg dauerte noch acht lange Jahre. Und so richtig auf die Hitliste der Adventslieder hat es der Choral noch nicht geschafft. Das wird ihm wohl dieses Jahr auch wieder nicht gelingen, angesichts der Nähe des 4. Advents zur Christvesper. Selbst in der Begleitliteratur zum Gesangbuch sucht man diesen Choral manchmal vergeblich.

Dabei hat er fast aufrührerisches Potenzial. Die vierte Strophe begann im Original mit den Worten: »Ihr großen Potentaten.« Zusammen mit dem Evangelium für den 4. Advent aus Lukas 1,39-45 und dem folgenden Magnifikat ergibt es eine tolle Möglichkeit, über eine starke Frau und mit ihr über die wunderbare Macht Gottes nachzudenken. Die kommt so ganz anders daher: Strophen 1 bis 3 »ohne stolze Pracht«, »kein Zepter, keine Krone«. Und doch hat es dieser König ohne Land und andere irdische Insignien geschafft, unsere Welt mitzugestalten durch Menschen, die an ihn glauben! Und dazu sind wir auch heute aufgerufen, wie es die 5. Strophe beschreibt: »Lasst eure Lieder klingen, dem König Lob zu singen, der ist eu’r höchstes Gut.« Ja, lasst uns singen zu Adventsmusiken, bei Adventsandachten, beim diakonischen Singen in Seniorenheimen und Krankenhäusern – aber auch einfach zu Hause mit der Familie! Und wenn wir über volle Briefkästen stöhnen, denkt daran: Uns geht es gut, wir haben etwas zum Teilen. Singen und Gutes tun: »Halt’ eure Lampen fertig und seid stets sein gewärtig, er ist schon auf der Bahn.«

Friedemann Lessing
Kreiskantor im Kirchenkreis Stendal

aus GLAUBE+HEIMAT Nr. 52/53/2012, 23. Dezember 2012

 

Befreiende Adventsmomente

16. Dezember 2012

Mit Ernst, o Menschenkinder, das Herz in euch bestellt …
(Evangelisches Gesangbuch 10, Verse 1 und 2)

Freitagnachmittag. Zehn Tage bis zum Fest. Hektischer Aufbruch. Einkaufen, Geschenke besorgen. Geruch von Glühwein, gebrannten Mandeln dringt zur Nase, Enge, Menschenmengen, Gedudel von Weihnachtsliedern – wie nervend. Spontan biege ich ab, gehe in die Kirche am Markt.

Welcher Kontrast: Dämmerlicht, nur einige Kerzen, erhabene, weite Ruhe. Am Eingang ein Zettel: »Lied der Woche.« Ich setze mich. »Mit Ernst, o Menschenkinder, das Herz in euch bestellt.« Die Melodie summend … jähes Erschrecken: »bestellt«. Die Ente fürs Fest muss ich noch bestellen! »Kehren ein – Gast« – hatte ich alle meine Gäste vom Heiligabend notiert? Doch das Summen und die Stille im Raum wirken auf mich. Gleichmäßig fließt die Melodie. Sie spricht mich an, belebt mein Gemüt, singt ins Herz.

Vielleicht meint Advent nicht gehetzte Vorbereitung und Vorwegnahme, sondern Herzensbereitung. »Demut, Hochmut« (3. Strophe) – widerständige Worte. Bin ich gemeint? Im Singen erklingen die Worte lieblicher, einfacher. Demütiges oder hochmütiges Herz – singend tönen sie gleich, und sonst? Ich spüre mein sich öffnendes Herz. Tatenlos, wie ein Geschenk erlebe ich »ein richtiges Herz«. Fast fröhlich, zumindest aber beruhigt stimme ich in das inbrünstige Gebet ein: »Ach, mache du mich Armen zu dieser heilgen Zeit aus Güte und Erbarmen, Herr Jesu, selbst bereit.«

Mein Blick, an das Dämmerlicht gewöhnt, schweift durch den Kirchenraum. Figuren stehen an verschiedenen Stellen im Raum: zwei Hirten mit Schafen, ein König, Maria und Josef. Sie sind unterwegs, ohne Hast, eigentlich bewegungslos. Sie streben nach vorn. Dort, im Chorraum, ein Stall, die leere Krippe. Kinderbilder mit verschiedenen Herzen sind zu sehen: bunte, große, kleine, offene Herzen: »Zieh in mein Herz hinein vom Stall und von der Krippen, so werden Herz und Lippen dir allzeit dankbar sein«. Diese Minuten erfüllen mich, lassen mich einen wundervollen, befreienden Adventsmoment erleben.

Jochen Kaiser
Kirchenmusiker in Wernigerode

aus GLAUBE+HEIMAT Nr. 51/2012, 16. Dezember 2012

 

Eine Aufforderung zum Singen und Tanzen

9. Dezember 2012

Ihr lieben Christen, freut euch nun, bald wird erscheinen Gottes Sohn, der unser Bruder worden ist, das ist der lieb Herr Jesus Christ.
(Evangelisches Gesangbuch 6, Strophe 1)

Advent! Zeit der Vorbereitung und Freude auf das Weihnachtsfest? Aufforderung zur Freude! Es kommt der Herr! Worauf freuen wir uns? … Alle Jahre wieder kommt das Christuskind … Das liegt nicht vor uns, das liegt hinter uns, sagt unser Lied. Weihnachten heißt: Jesus Christus, Gottes Sohn, ist zu uns gekommen, er ist »unser Bruder« geworden. Das ist die Basis, auf der wir stehen. Darauf können wir uns verlassen: Gott liebt uns! Dafür danken wir zu Weihnachten. Gottes Sohn kommt nicht ­erhaben, nicht als Fremder, sondern als Bruder, als Vertrauter. Beim Anblick eines kleinen Kindes öffnet sich instinktiv unser Herz, wir schauen es freundlich an, wir wollen es schützen. Als kleines Kind liegt ­Jesus in der Futterkrippe. Wie könnte er freundlicher zu uns kommen? Mitten im Alltag ist er damals und heute erschienen. Auch wenn wir einen hohen ­Lebensstandard haben, durchziehen Krankheiten, Unfälle, Ungerechtigkeiten in der Welt und der Tod unser Leben

Dies war zur Zeit der Liedentstehung nicht anders. 1546 wurde es geschrieben, im Sterbejahr Luthers. Der Schmalkaldische Krieg war ausgebrochen, die Sache der Reformation war in Gefahr. Die Menschen dieser Zeit leben in Furcht. Der Lieddichter Erasmus Albers ruft ihnen zu: »Ihr lieben Christen, freut euch nun!« Schon ist Jesus Christus, unser Bruder, da, er wird uns Hilfe bringen: »Der jüngste Tag ist nicht mehr fern!« Und mit ihm ­werden wir von aller Not erlöst. Vertraut darauf!

Dieser Freude entspricht die Melodie. So wie Luther singt: »Nun freut euch, lieben Christen g’mein und lasst uns fröhlich springen« (Evangelisches ­Gesangbuch 341), lädt uns das Lied zum singenden Tanz ein. Es will frohe Botschaft sein: Lass den Kopf nicht hängen, du hast etwas ganz Großes vor dir, Jesus kommt! Das gilt heute für uns. Freu dich, lass dir die Sorgen nehmen.

Brigitte Kliegel
Kirchenmusikerin in Weimar

aus GLAUBE+HEIMAT Nr. 50/2012, 9. Dezember 2012

 

2. Dezember 2012

Von der dunkeln Nacht in den hellen Morgen

Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern!
So sei nun Lob gesungen dem hellen Morgenstern!
Auch wer zur Nacht geweinet, der stimme froh mit ein.
Der Morgenstern bescheinet auch deine Angst und Pein.
(Evangelisches Gesangbuch 16, Strophe 1)

Für viele Christen ist dieses Lied das Adventslied des 20. Jahrhunderts. Dabei fängt es dunkel an. Von Nacht ist die Rede. Wenn man nur die erste Zeile liest, könnte man das Lied missverstehen, Dunkelheit breite sich aus. Ich merke mit zunehmendem Alter, wie ich anfälliger für eine solche »dunkle Weltsicht« werde. Ich habe nicht mehr die strahlende Vitalität eines Kindes. Aber liest man weiter, wird deutlich, die Nacht nähert sich ihrem Ende. Gott hat mein Dunkles begrenzt. Jede Stunde Dunkelheit heißt eine Stunde näher dem Licht. Gott lässt nur begrenztes Dunkel zu. Egal, wie dunkel es ist, das Licht am Ende des Tunnels kommt.

»Die Nacht ist vorgedrungen« und »So sei nun Lob gesungen« wird auf die gleichen Töne gesungen. Immer wieder tauchen dicht beieinander Kontraste auf: »geweinet – froh«, »Morgenstern – Angst und Pein«. Gibt es Helles nur mit Dunklem? Jochen Klepper hat es so erlebt. Gibt es nur Lob trotz Klage? Lob, bevor der Grund zur Klage, die Nacht, ganz vergangen ist?

Melodie und Satz von Johannes Petzold verweigern nach »nicht mehr fern!« jegliche Schlusswirkung. Wir brauchen nicht in der Nacht zu bleiben, wir werden zum Morgen geführt. Der Tenor im Satz schwingt sich über »froh mit ein« zum »Morgenstern« in der vorletzten Zeile hinauf, um dann bis zum Ende tief hinab zu sinken. So sieht häufig unser Glaubensmut aus. Aber die letzten drei Choralzeilen enden in As-Dur, B-Dur, C-Dur. Vorher nur Moll, dann Dur, jeweils einen Ganzton höher. Da geht die Sonne auf. So kann das in dunkler Zeit entstandene Lied uns helfen, in unseren Nächten dem Kommen des Lichtes zu vertrauen.

Mögen Gott uns in der Gnade stärken, nachts den kommenden Tag zu spüren!

Claus-Erhard Heinrich
Domkantor zu Halberstadt

aus GLAUBE+HEIMAT Nr. 49/2012, 2. Dezember 2012

25. November 2012

Eine Stimme, die aufweckt und zum Jubelgesang führt

»Wachet auf«, ruft uns die Stimme der Wächter sehr hoch auf der Zinne, »wach auf, du Stadt Jerusalem! Mitternacht heißt diese Stunde«; sie rufen uns mit hellem Munde: »Wo seid ihr klugen Jungfrauen?«
(Evangelisches Gesangbuch 147, Strophe 1)

Düdüdü-dü … düdüdü-dü … Ach nein – ist es schon wieder früher Morgen?!? Wie das Klingeln des Weckers für erwiesene Langschläfer und Morgenmuffel wirkt, kann auch das »Wachet auf« manchmal unangenehm sein: wenn »die Stimme« anfängt, mit mir zu sprechen, obwohl ich sie in dem Moment gar nicht gefragt oder darum gebeten habe. Ich wollte so gern in meiner »festen Burg« bleiben, hatte mich eingeigelt und mit Vorstellungen so schön eingerichtet. Jetzt wird alles über Bord geworfen, infrage gestellt: Ich soll mir Gedanken machen über kluge und unkluge Jungfrauen – und am Ende der Überlegungen sind die »Klugen« natürlich das »leuchtende Vorbild«.

So die erste Trotzreaktion, wenn es bei dem Lied von Philipp Nicolai (Text und Melodie) von 1599 nur um den Text der ersten Strophe ginge. Zum Glück rührt die Melodie im sogenannten ionischen Oktavraum nicht nur an, sondern reißt beim Erklimmen der »Zinnen« regelrecht mit! Geradezu eine Hymne der Kirchenmusik ist der Bachsatz zur dritten Strophe mit »Gloria sei dir gesungen«. Wer mitempfindet, für den färbt sich musikalische Übersetzung von »Wachet auf« in Dunkelrot-C-Dur nach Leuchtend-Orange-D-Dur beim »Gloria« – eine Erhöhung hin zum Jubelgesang der zwölf Jünger (Perlen) auf den Fürsten Jesus Christus (Thron).

Interessanterweise steht »Wachet auf« im Evangelischen Gesangbuch unter der Rubrik »Ende des Kirchenjahres«, während es im katholischen »Gotteslob« ein bekanntes Adventslied ist. Hier lässt sich mit dem Ewigkeitssonntag ein wunderbares Scharnier bilden vom Ende hin zum neuen Anfang. Vielleicht lässt mit diesem Lied auch ein Aufeinander-Zugehen der Konfessionen ermöglichen.

Katja Bettenhausen
Propsteikantorin, Rudolstadt

aus GLAUBE+HEIMAT Nr. 48/2012, 25. November 2012

 

18. November 2012

Das Irdische mit seinen vielen Plagen

O weh dem Menschen, welcher hat des Herren Wort verachtet.
(Evangelisches Gesangbuch 149, Strophe 4)

Das Ende des Kirchenjahres steht im Zeichen der Vergänglichkeit. Es wird auf den Tod hingewiesen, vor allem aber darauf, dass »alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi«. Aus dem »Dies irae« (Tage des Zorns), einem mittelalterlichen Hymnus vom Jüngsten Gericht, schuf der brandenburgische Dichter und lutherische Theologe Bartholomäus Ringwaldt im späten 16. Jahrhundert das geistliche Lied »Es ist gewisslich an der Zeit«. Den »Tag des Zorns« beschreibt Ringwaldt durchaus bildlich, wenn er vom Feuer spricht, vom Schall der letzten Posaunen und Satans Hölle.

»… da denn gewiss ein jedermann wird hören, was er hat getan in seinem ganzen Leben.« Und er schiebt eine Warnung hinterher: »O weh dem Menschen, welcher hat des Herren Wort verachtet.« Doch gleich darauf verbreitet der Dichter Zuversicht, denn Jesus hat mit seinem Opfer »meine Schuld bezahlet«. Er hat uns den Himmel erworben und wird uns auch als Fürsprecher erscheinen. In der letzten Strophe blickt Ringwaldt wieder auf das irdische Hier mit seinen »vielen Plagen« und gibt seinem Wunsch nach baldiger Erlösung Ausdruck – ein ­urchristliches Verlangen, das uns heutigen Christen vielleicht nicht so leicht über die Lippen geht, aber doch eine göttliche Verheißung bereithält und vielen Generationen vor uns als Richtschnur diente.

Die Melodie kommt aus der Feder Martin Luthers, ist also älter als der Text. Sie zeichnet sich durch eine ruhig-fließende, mono-rhythmische Einfachheit aus und steht damit in einem wohltuenden Kontrast zur Schwere des Textes. Aber gerade weil die Melodie so gut singbar daherkommt, transportiert sich die biblische Botschaft (im Gewand der klaren Sprache Ringwaldts) mittels des Gesangs so leicht in das menschliche Herz. Aufgrund seiner Zweiteiligkeit, der Beschreibung des »Dies irae« und der Verheißung der Erlösung, ist das Lied unbedingt als Einheit zu sehen. Es verbietet sich, nur die Verse 1 bis 3 zu singen.

Marco Lemme
Kantor in der Bachstadt Ohrdruf

aus GLAUBE+HEIMAT Nr. 47/2012, 18. November 2012

 

11. November 2012

Gottes Ankunft nicht eingeplant

Wir warten dein, o Gottes Sohn, und lieben dein Erscheinen.
(Evangelisches Gesangbuch 152, Vers 1)

»Endlich! Ein bedenkenlos singbares Lied!« So können kritische Geister sagen. Die Melodie ist bekannt, und am Text ist nichts anstößig. Keine Schwester ist benachteiligt, weil nur von Brüdern gesungen wird, Blindheit und Schand’ werden nicht in einem Atemzug benannt. Kind, Ehr, Gut und Weib müssen wir nicht dahinfahren lassen. Und dennoch: Wir sollten das Lied nicht (nur) singen, sondern es als Maranatha (Wiederkunftshoffnung) sprechen. Vieles singt sich unbedachter, als es sich spricht. Bei einigen Liedern ist es gut, hier jedoch nicht!

Das Warten auf den Gottessohn scheint uns abhandengekommen zu sein. Wir haben zumindest seine Ankunft nicht eingeplant. Darum machen wir in unserer Kirche regelmäßig Stellenpläne, erarbeiten Zukunftspapiere, die gelegentlich im Schreibtisch keine Zukunft haben, restaurieren (für manche Lust, für andre Frust) Kirchen und Orgeln und schaffen es, so zumindest mein Eindruck, sogar noch vom Glauben zu erzählen. Das alles wollen wir weiterhin tun, da uns seine Ankunftszeit ungewiss ist. Aber, als fröhlich Wartende könnten wir die Dinge entspannter und, daraus resultierend, freudiger angehen. Manches wird uns dann nicht schrecken, und wir können andere Akzente setzen.

Nehmen Sie sich Ihr Gesangbuch, lesen und singen Sie das Lied ruhig mehrmals! Gerade in diesen Tagen, da wir verstorbene Angehörige betrauern und vielen das Wetter die Seele betrübt, können wir uns mit Hillers Strophen 3 und 4 auf die Wiederkunft Christi freuen: »… Da willst uns du, bei dir auch Ruh, bei dir auch Freude geben, bei dir ein herrlich Leben. Wir warten dein, du kommst gewiss, die Zeit ist bald vergangen, wir freuen uns schon überdies mit kindlichem Verlangen. Was wird geschehn, wenn wir dich sehn, wenn du uns heim wirst bringen, wenn wir dir ewig singen!« Was wollen wir mehr!

Norbert Britze
Kantor in Bad Düben

aus GLAUBE+HEIMAT Nr. 46/2012, 11. November 2012

 

4. November 2012

Die Gnadensonne Christi über den Mühen des Alltags

Herr Jesu, Gnadensonne, wahrhaftes Lebenslicht: mit Leben, Licht und Wonne wollst du mein Angesicht nach deiner Gnad erfreuen und meinen Geist erneuen, mein Gott, versag mir’s nicht.
(Evangelisches Gesangbuch 404, Strophe 1)

Das dichtete Ludwig Andreas Gotter 1695. Ein Lied unserer Tage beschreibt die gleichen Gedanken so: »Gottes Liebe ist wie die Sonne, sie ist immer und überall da …«

Die Sonne, die Leben ermöglicht, wird in vielen geistlichen und weltlichen Liedern gepriesen. Hier wird sie zum Bild und Gleichnis für Gottes gnädige Zuwendung. Unerschöpflich ist sie, unergründlich und jeden Morgen neu für uns da. Sie macht das Leben hell und lebenswert. Sie macht es warm und schön. Und selbst, wenn wir sie nicht sehen, dürfen wir wissen: Sie ist da.

Gotter wurde als Sohn des Gothaer General­superintendenten 1661 geboren. 1735 ist er in seiner Heimatstadt verstorben. Seine Verse waren ursprünglich nur zur persönlichen Andacht bestimmt. Die Veröffentlichung war ihm äußerst unangenehm. Dass sie dazu auch noch mit seinem Namen versehen wurde, hielt er für unangebracht, da er meinte, dies würde der Erbauung hinderlich sein. Wir indes dürfen froh sein, dass sein Andachtstext dem Vergessen entrissen worden ist. Sich von der »Gnadensonne Jesus« bescheinen zu lassen, jeden Tag, das tut gut. Es schafft »Leben, Licht und Wonne«.

Jesus stellt das Dunkle in meinem Leben in das Licht Gottes. Er gibt meinem Leben eine positive Richtung. Er schenkt mir neues Leben. Das alles sagt der Liederdichter in der Sprache seiner Zeit.
Die Melodie tut das Ihre dazu. Sie ist entlehnt aus einer ursprünglich weltlichen Vorlage. In ruhigen, überwiegend kleinen Tonschritten fließt sie dahin. Immer wieder aber gibt es Anstöße, rhythmische Verschiebungen, die aus dem Tritt bringen können, so als wollte sie sagen: Es verläuft nicht alles glatt im Leben. Aber über allem strahlt die Sonne der Gnade Gottes, die in Christus erschienen ist.

Johannes Seidenberg
Pfarrer und ­Posaunenchor­leiter in Tambach-Dietharz

aus GLAUBE+HEIMAT Nr. 45/2012, 4. November 2012

 

28. Oktober 2012

Ein Lied holt die Reformation zurück

Ach Gott, vom Himmel sieh darein und lass dich des erbarmen,
wie wenig sind der Heilgen dein, verlassen sind wir Armen.
Dein Wort man lässt nicht haben wahr,
der Glaub ist auch verloschen gar bei allen Menschenkindern.
(Evangelisches Gesangbuch 273, Vers 1)

Dieses Lied von Martin Luther ist schon fast 500 Jahre alt. Die Textgrundlage ist Psalm 12, der schon vor etwa 1500 Jahren entstand. Wir würden heute wohl andere Worte wählen, aber die beschriebene Situation ist uns bekannt. Wir leben in einer Umwelt, in der die meisten Menschen von Gott nichts wissen und bekennende Atheisten sind.

Zu Luthers Zeiten war das anders. Alle Menschen waren getauft und gehörten der Kirche an. Aber die Kirche war zu einer Institution geworden, die eigene Gesetze und Rechtsprechung entwickelt hatte und ihre Macht missbrauchte. Luther kritisierte diese Zustände. Das Lied Luthers wurde schon bald nach seiner ersten Veröffentlichung als reformatorisches Bekenntnislied verstanden und verwendet. In Lübeck beispielsweise kam es zu einer Auseinandersetzung nach der vom Rat durchgesetzten Vertreibung zweier reformatorischer Prediger. Evangelisch gesinnte Bürger fingen an, die katholischen Messen durch das laute Singen von »Ach Gott, vom Himmel sieh darein« zu unterbrechen.

Die wachsende Bewegung und Unruhe in der Stadt erreichte zunächst die Rückberufung der beiden Prediger und zwei Jahre später die Einführung der reformatorischen Kirchenordnung. Heute wird dieses Lied nicht mehr oft gesungen. Aber unser Bitten um Gottes Erbarmen bleibt. In einer Zeit, wo Geld, Arbeit, Kleidung und Konflikte unseren Tag schnell bestimmen, sollten wir uns jeden Tag neu die Frage stellen: Wo ist Gott in meinem Leben? Im Lied heißt es: »Darum spricht Gott: (…) Mein heilsam Wort soll auf den Plan, getrost und frisch sie greifen an und sein die Kraft der Armen.«

Möge uns Gott durch sein Wort stärken und die Kraft schenken, unseren Glauben bewusst im Alltag zu leben.

Christine Bick
Kantorin in der Region Quedlinburg

aus GLAUBE+HEIMAT Nr. 44/2012, 28. Oktober 2012

 

21. Oktober 2012

Festen Boden unter den Füßen

Mein Herz hängt treu und feste an dem, was dein Wort lehrt.
Wenn du mich leitest, treuer Gott, so kann ich richtig laufen den Weg deiner Gebot.
(Evangelisches Gesangbuch 295, Strophe 3)

»Am Donnerstag hat Frau Meyer Geburtstag. Wer kommt mit zum Ständchensingen?« – »Was wollen wir denn singen?« – »Na, das Übliche! Lobe den Herren; Wohl denen, die da wandeln …«

Ein häufiges Szenario am Montagabend in der Probe der Kantorei Bad Frankenhausen. Das Wochenlied dieser Woche ist bei uns einer der Klassiker unter den Geburtstagsständchen. Und das zu Recht! Gedichtet 1602 von Cornelius Becker, fand der Text Eingang in Heinrich Schütz’ »Becker Psalter«, in dem er 92 Psalmendichtungen von Cornelius Becker vertonte, um nach dem Tode seiner Frau Trost zu finden. Und Trost gibt das Lied auch heute noch: In Psalm 119, der dem Liedtext zugunde liegt, wird deutlich gesagt: Gott ist uns gnädig und gibt uns eine gute Richtung vor, sodass wir getrost und mutig leben können. Durch die Melodieführung wird die Beziehung von Gott und uns Menschen schön verdeutlicht: Ganz unten – auf der Erde – geht es los und schwingt sich auf nach oben – zu Gott.

Wir Menschen haben hier unten auf der Erde unsere Probleme; mit denen können wir getrost zu Gott gehen und nach seiner Weisung fragen. Gottes Ordnung gibt uns festen Grund unter den Füßen, auch wenn wir nicht mehr weiter wissen. Und schier unlösbare Probleme haben wir doch alle von Zeit zu Zeit! Auch mir gibt das Lied einen großen Trost: Hat unsere Kirchengemeinde doch sehr mit der geplanten Sanierung unserer Großen Strobel-Orgel zu kämpfen. Nächstes Jahr muss sie wegen der Bauarbeiten in der Unterkirche ausgebaut werden – und dann? Noch fehlt die halbe Million Euro. Wo nur finden wir weitere finanzkräftige Partner für unser wunderbares Instrument? Da tut es gut zu glauben: Ich habe festen Boden unter den Füssen, kann mich in Gottes Ordnung aufgehoben fühlen, trotz aller Ratlosigkeit. Daran will unser Wochenlied uns erinnern.

Laura Schildmann
Kantorin in Bad Frankenhausen

aus GLAUBE+HEIMAT Nr. 43/2012, 21. Oktober 2012

14. Oktober 2012

Gott loben - jetzt geht's aber los!

Nun lasst uns Gott dem Herren Dank ­sagen und ihn ehren für alle seine Gaben, die wir empfangen haben.
(Evangelisches Gesangbuch 320, Strophe 1)

»War der Aberjetze schon da?« – So mögen die in Deutsch-Südwestafrika als Farmarbeiter angestellten Buren nach ihrem Arbeitgeber gefragt ­haben. Diese Bezeichnung erhielt er wegen seines Drängens auf Erfüllung der von ihm schon vorgestern gestellten Aufgaben, welches er regelmäßig mit der Aufmunterung »Aber jetzt!« beendete. Bis heute heißen die Deutschen auf Afrikaans »Aberjetze«.

»Aber nu mal los!« – so klang die Aufforderung meiner Mutter, wenn ich mal wieder überhaupt keine Lust hatte, mich auf den Weg zum Klavierunterricht zu machen. Dieser Appell konnte von ihr durch Weglassung des Wörtchens »mal« und unter geringfügiger Hebung der Stimme zu einer keinen Widerspruch duldenden Anweisung gesteigert werden: »Nu aber los!«

Anscheinend braucht man dies Drängen auf Erledigung des Naheliegenden; sei es verbal oder auch stumm in Form von Aktenstapeln oder Müllecken.
Selbst unser Gesangbuch drängt: 14 Lieder, die alle uns zum Loben, Danken, Hoffen, Freuen, ­Singen auffordern, beginnen mit »Nun lob«, »Nun freut«, »Nun jauchzt«, »Nun lasst uns Gott dem Herren / Dank sagen und ihn ehren« …

Es ist nicht ganz leicht, im Täglichen den Blick auf das Wesentliche zu richten. Es tut gut, sich aus der Ebene erhoben und auf Adlerflügeln getragen zu fühlen. Mitunter müssen uns Kopf und Herz zurechtgerückt werden: »Den Leib, die Seel, das Leben / hat er allein uns geben; / dieselben zu bewahren, / tut er nie etwas sparen.« Also nun aber los: Lasst uns Gott dem Herren Dank sagen und ihn ehren!

Das Insistieren meiner Mutter hat gefruchtet, und nun bin ich damit beschäftigt, das Lob Gottes vor-, nach- oder aufzubereiten, es am liebsten mit vielen zum schönen Klang zu bringen oder es auch mit Schaufel, Rasenmäher oder Staubsauger sichtbar werden zu lassen.
Lasst uns Gott loben – wir haben es nötig! Wir hören uns im Gottesdienst.

Sebastian Saß
Kirchenmusiker in Bernburg

aus GLAUBE+HEIMAT Nr. 42/2012, 14. Oktober 2012

 

7. Oktober

Gott danken - in Zeiten des Segens und der Not

Ich weiß, dass du der Brunn der Gnad und ewge Quelle bist,
daraus uns allen früh und spat viel Heil und Gutes fließt.
(Evangelisches Gesangbuch 324, Strophe 2)

Der Theologe und Dichter Paul Gerhardt gehört zu meinen Lieblingsdichtern. Er hat fast die Hälfte seines Lebens im Krieg verbracht. Seine Lieder sind trotzdem von Hoffnung und Zuversicht auf Gott geprägt. Nehmen Sie zum Beispiel das Lied »Ich singe dir mit Herz und Mund«. Hier schreibt er, fünf Jahre nach Ende des 30-jährigen Krieges, in der zweiten Strophe die obigen Zeilen. Trotz seiner schwierigen Lebensumstände jubelt er über Gott, die »ewge Quelle«, aus der zu allen Zeiten »Heil und Gutes fließt«.

Ich muss mich immer wieder fragen, wie es mit meinem Glauben in der heutigen Zeit aussieht. Es geht uns augenscheinlich so viel besser als damals, aber das Vertrauen in unseren Schöpfer und Vater hat abgenommen. Manchmal muss ich bewusst innehalten und mir der Segnungen bewusst werden, die ich in meinem Leben erfahren habe: Dass ich hier in Deutschland in Frieden leben darf, meine Familie und Freunde, meine Arbeit, die mich erfüllt und so vieles mehr. Und doch: Was wäre, wenn ich all dies nicht hätte, wenn ich ein schwieriges und leiderfülltes Leben hätte, so wie Paul Gerhardt? Gott sagte einmal zu Paulus »Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.« Ist Gottes Gnade und Heil, die Tatsache, dass ich mit ihm leben und auf eine wundervolle Ewigkeit hoffen darf, nicht Grund genug, ihm zu danken? Das heißt nicht, dass ich mich nicht an all den anderen Segnungen in meinem Leben erfreuen darf. Sie sind Geschenke und wunderbare Zugaben Gottes.

Vielleicht nehmen Sie das Erntedankfest einmal zum Anlass, darüber nachzudenken, wofür Sie Gott danken können. Oft sind es Umstände, die wir als selbstverständlich hinnehmen. Aber vergessen Sie nie: Das, worauf es am meisten ankommt, ist Gottes unglaubliches und unverdientes Geschenk des Heils; Gott als der »Brunn der Gnad und ewge Quelle«.

Jean M. Benoit
aus Haiti, Kantor in Stadtroda

aus GLAUBE+HEIMAT Nr. 41/2012, 7. Oktober 2012

 

30. September 2012

Begeisterung im Glauben füllt keine Brieftasche

Such, wer da will, Nothelfer viel ...
Lass mich doch nicht
von deinem Licht
durch Eitelkeit vertreiben.
(Evangelisches Gesangbuch 346, aus Strophe 1 und Strophe 4)

Nur ein Ziel, nur einen Nothelfer zu haben – das wirkt sehr enthusiastisch. Hieraus spricht die unbedingte Bereitschaft, an Christus zu glauben und sich durch nichts davon abbringen zu lassen. Was uns vom Licht Christi vertreibt, wird auch benannt: die Eitelkeit. Das lateinische Wort »Vanitas«, das Eitelkeit bedeutet, kann auch mit »leerer Schein, Nichtigkeit, Lüge, Prahlerei, Misserfolg oder Vergeblichkeit« übersetzt werden. Im übertragenen Sinne, glaube ich, meint der Textdichter Georg Weissel, dass die typischen schlechten Eigenschaften eines Menschen und sein Streben nach Nichtigkeiten das größte Hindernis sind, dem Wort Gottes Gehör und auch sein Herz zu schenken. Insofern sind diese Worte zeitlos und bis heute aktuell.

Wir lassen uns durch die Verlockungen unserer Zeit leicht beeinflussen und sind bereit, leeren Worten von Menschen, die uns Geld oder Macht (Nichtigkeiten) versprechen, eher zu folgen als dem Wort Gottes. Die modernen Medien, die uns alles und jeden schnell erreichen lassen, unterstützen dies noch. Dabei wäre es einfach, sich diesem Treiben zu entziehen. Wenn wir nun zum Beispiel auf die vierte Strophe des Liedes für diese Woche schauen, stellen wir schnell fest, dass die Worte eine nicht zu brechende, strahlende Begeisterung haben, die schnell ansteckt, gerade, wenn man die Strophe singt und nicht nur liest. Eine solche Begeisterung im Glauben füllt vielleicht nicht die Brieftasche, wohl aber Herz und Seele.

Ja, diese Strophe strahlt tatsächlich! Die Hauptwörter besitzen alle einen gewissen Glanz, sei es durch einen beschriebenen glänzenden Gegenstand (Kron) oder durch Assoziationen, die man vielleicht hat (Licht, Sonn, Ehr), die zumindest bei mir Helligkeit in den Gedanken erzeugen. Die »Eitelkeit« wird durch soviel Glanz nahezu erdrückt.

Clemens Bosselmann
Kantor in Zeitz

aus GLAUBE+HEIMAT Nr. 40/2012, 30. September 2012

 

23. September 2012

Das Geschenk der Hoffnung annehmen

Wer täglich hier durch wahre Reu mit Christus auferstehet, ist dort vom andern Tode frei, derselb ihn nicht angehet.
(Evangelisches Gesangbuch 113, Strophe 6)

Der Titel des Liedes »O Tod, wo ist dein Stachel nun?« für diese Woche lässt mich an die eindrucksvoll vertonte Textpassage in »Ein Deutsches Requiem« von Johannes Brahms denken. Mit »Denn wir haben hier keine bleibende Statt« beginnt der sechste Abschnitt des eben genannten Werkes, das im Karfreitagskonzert 1868 unter der Leitung des Komponisten im Bremer Dom uraufgeführt wurde. Weiter heißt es: »Wir werden nicht alle entschlafen, aber verwandelt werden.«

Gut 200 Jahre zuvor tobte in Deutschland der Dreißigjährige Krieg. Georg Weissel, ein Ostpreuße, der in Königsberg Musik und Theologie studierte, dichtete uns den Grundstock dieses Liedes gegen die Todesangst. Den Tod können wir nicht abschaffen, er ist Teil der Schöpfung. Doch »Christus Jesus hat dem Tod die Macht genommen und das Leben und ein unvergänglich Wesen an die Macht gebracht«. Und so ist es das Wunder, dass es so ist. Wirklich alles, was ist, könnte ebenso gut auch nicht so sein, wie es täglich neu gemeinsam erhofft und erschaffen wird. Wie dankbar waren wohl die Menschen in dieser ungewissen Zeit über jedes Wiedersehen und die Hoffnung, die ihnen Gott nach dem Leben auf Erden schenkt.

Ist das heute anders? Nein, aber wie oft vergessen wir, geblendet von »ultimativen« Kicks, dass es doch täglich neu um den Schöpfer und die »wahre Reu« geht, um mit Jesus am Ziel zu stehen. Martin Luther, nach dessen zweiter Lieddichtung im Jahre 1523 »Nun freut euch, lieben Christen g’mein« dies Lied auch gesungen werden kann, schrieb: »Das christliche Leben besteht nicht im Sein, sondern im Werden, nicht im Sieg, sondern im Kampf, nicht in der Gerechtigkeit, sondern in der Rechtfertigung.« Nehmen wir das Geschenk unseres Lebens mit mutigen Ausblicken betend und handelnd in Empfang, so sei Gott gedankt.

Ralf Wosch
Kreiskantor in Gera

aus GLAUBE+HEIMAT Nr. 39/2012, 23. September 2012

 

16. September 2012

Durch Singen und Beten lässt sich Gott finden

Wer nur den lieben Gott lässt walten und hoffet auf ihn allezeit, den wird er wunderbar erhalten in aller Not und Traurigkeit.
(Evangelisches Gesangbuch 369, Strophe 1)

Das Wochenlied gehört zu jenen, mit denen ich als Organistin sofort etwas anfangen kann. Eine sangliche, harmoniereiche Melodie sowie ein ruhiger Dreiertakt regen die Fantasie für ein Liedvorspiel an, und in Verbindung mit dem Text, der von Lebenserfahrung zeugt, strahlen Ruhe und Vertrauen entgegen.

Georg Neumark, der Schöpfer des Liedes, sieht sich nach überlebtem Überfall auf seine Mitreisegelegenheit mittellos in der Fremde. Eigentlich wollte er 1640 nach Königsberg reisen, um Jura zu studieren und um Simon Dach kennenzulernen. Nun musste er sich völlig neu orientieren – in Dankbarkeit über die Bewahrung seines Lebens.

Seelische und körperliche Katastrophen kennt jeder als »die schweren Sorgen« (Strophe 2), das »Weh und Ach«. Wir brauchen das Eintauchen dahinein und stellen irgendwann fest, dass sich zur rechten Zeit manches fügt durch Auswege, die wir zuvor nicht sehen wollten. Die »Traurigkeit« macht uns lahm und handlungsunfähig – was mitunter angebracht ist im ewig abschiedlichen Leben. Und doch dürfen wir glauben: Gott befreit uns daraus. Die Strophe 5 kreiert das herrliche Wort »Drangsalshitze«. O ja, das ist schon gut und befreiend, wütend und traurig mit dem Schicksal zu hadern. Aber man sollte das nicht kultivieren, denn dann wird man für andere und sich selbst ein knurriges und schwieriges Menschenkind.

Gott fügt und tröstet. Wir müssen es nur zulassen. Wir können ihn immer wieder in uns neu entdecken, indem wir singend und betend auf Gottes Wegen gehen. Als jemand, die gern singt, stellt dieser auf den ersten Blick etwas frömmelnde Satz klar, dass Singen und Beten einen großen Teil der Suche nach ihm abnimmt, manchmal scheint Gott uns dabei geradezu in den Schoß zu fallen. Für mich wirkt das Singen ganz tief und schafft, dass ich seinen »reichen Segen« immer wieder erlebe.

Katharina Gürtler
Kantorin in Halle

aus GLAUBE+HEIMAT Nr. 38/2012, 16. September 2012

 

9. September 2012

Unterwegs nach Lobetal

Von Gott will ich nicht lassen, denn er lässt nicht von mir,
führt mich durch alle Straßen, da ich sonst irrte sehr.
Er reicht mir seine Hand,
den Abend und den Morgen
tut er mich wohl versorgen,
wo ich auch sei im Land.
(Evangelisches Gesangbuch 365, Strophe 1)

Unwillkürlich steigen die Vertrauensbilder des 23. Psalms auf: das »Führen auf rechter Straße«, der »bereitete Tisch«. Daneben schwingt ein anderer vertrauenserfüllter Text mit – Luthers Erklärung zum 1. Glaubensartikel: »Ich glaube, dass … Gott … mit allem, was nottut für Leib und Leben, mich reichlich und täglich versorgt, in allen Gefahren beschirmt und vor allem Übel behütet und bewahrt.« Hier spricht kein naives Gemüt. Der Autor kennt »schwere Zeit«, »Widerwärtigkeit«, »Leid« und Enttäuschung durch Menschen! Davon singt er in der »Ich-Form«!

Ludwig Helmbold wurde im damals neuen lutherischen Glauben erzogen und erfuhr das als kostbares aber auch angefochtenes Gut. Als Magister, seit 1562 Professor der Philosophie in Erfurt, erfährt er höchste Anerkennung, als der Kaiser ihn zum »poeta laureatus« (zum lorbeergekrönten Dichter) erhebt. Später muss er auf Betreiben katholischer Kreise die Arbeit an der Universität aufgeben und in seiner Heimatstadt Mühlhausen neu beginnen.

In einer Lyoner Melodie findet er die Traumpartnerin zum Text. Sie kommt nicht leichtfüßig fröhlich daher. Das Vertrauen hat sich bewähren müssen.

Helmbold wechselt vom »Ich« zum »Wir« und schließlich zum »Ihr«. Wohin will er uns führen? Zum Gotteslob! Der Mensch bringt anerkennend zu Gott zurück, was er von ihm empfangen hat. So verwandelt Loben unser Leben in eine neue Qualität hinein. Wir können es auszuprobieren: »Lobt ihn mit Herz und Munde, welchs er uns beides schenkt. Das ist ein sel’ge Stunde, darin man sein gedenkt; denn sonst verdirbt all Zeit, die wir zubringn auf Erden. Wir sollen selig werden und bleibn in Ewigkeit.«

Pfarrer Sebastian Kircheis
Weimar

aus GLAUBE+HEIMAT Nr. 37/2012, 9. September 2012

 

2. September 2012

Kann das nicht jeder Christ nachsingen?

Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ
(Evangelisches Gesangbuch 343, Vers 1)

Dieses Lied ist mir im Gottesdienst noch nicht bewusst begegnet, obwohl ich seit 26 Jahren beruflich mit Kirche zu tun habe. Was sind das aber gegen die fast 500 Jahre, die es dieses Lied nun schon gibt? Oder ist das bereits ein Teil des Problems? Das Lied erschließt sich nicht von selbst, sondern muss erklärt werden. Bei Johannes Kulp werde ich fündig: Die Verfasserschaft ist nicht ­geklärt, es spricht aber viel dafür, dass es Johann Agricola geschrieben hat. Er ist eine schillernde ­Persönlichkeit von der es diplomatisch heißt: Über seinen Charakter berichten die Chronisten nicht nur Gutes. Zuerst wurde er Luthers begeisterter Schüler und Freund, den die gleiche Frage nach der Buße umtrieb. Sollen Unbußfertige zur Buße getrieben werden.

Er fand seine Antwort und ging seinen eigenen Weg. Damit geriet er in heftigen Gegensatz zu Luther. Das brachte ihn Hohn und Spott, gar den Hass der evangelischen Theologen ein. Zum Verstehen des Liedes ist dieses Wissen nicht unwesentlich. Obwohl es wie ein Klage- oder Bußlied beginnt, ist von Klage dann kaum noch die Rede. Es geht um Glaube, dem Bruder dienstbar sein und auch unbrüderlichen Menschen vergeben zu können. Es ist ein zutiefst persönliches Lied. Kann das aber nicht jeder Christ nachsprechen oder besser -singen? »Den rechten Glauben, Herr, ich mein« – bedeutet: Ich bekenne mich zum rechten Glauben, egal, was andere meinen. »Dein Wort zu halten eben« – heißt: Ich will dein Wort gerade, ohne von ihm abzuweichen, einhalten, denn »eben« ist das Gegenteil von »krumm«. »Dass ich nicht wieder werd zu Spott«, lässt die Anfechtung des Verfassers durchklingen.

Aus allem klingt die Hoffnung, dass Gott es nicht zulassen wird, dass er fällt. Seine Grundhaltung kommt im Lied zum Ausdruck: Ich selber kann nichts, auch nicht das Glauben. Deswegen »klebt« er an der Gnade Gottes. Bleibt für mich die Frage: Werde ich dieses Lied der Gemeinde als Wochenlied anbieten?

Johannes Götze
Kirchenmusiker im Kirchenkreis Gotha

aus GLAUBE+HEIMAT Nr. 36/2012, 2. September 2012

26. August 2012

Vom Gotteslob zur Unbeschwertheit

Nun lob, mein Seel, den Herren, was in mir ist, den Namen sein.
Sein Wohltat tut er mehren, vergiss es nicht, o Herze mein.
Hat dir dein Sünd vergeben und heilt dein Schwachheit groß …
(Evangelisches Gesangbuch 289, Strophe 1)

Mögen Sie Herausforderungen? Das Wochenlied des Theologen Johann Gramann aus Königsberg stellt uns eine solche für die nächsten Tage.

Um 1530 formuliert er im Auftrag des Herzogs Albrecht von Preußen und in Anlehnung an den Psalm 103: »Nun lob mein Seel, den Herren.« Eine schwere Aufgabe, die uns mit der ersten Strophe des Liedes aufgetragen ist. Gerade auch deswegen, weil wir Menschen uns nicht so gern sagen lassen wollen, was wir zu tun haben. Wir modernen und oftmals profitorientierten Menschen fragen sofort »Warum?« und »Was bekomme ich dafür?«.

Gramann beantwortet diese Fragen. Wir sollen nicht im Sinne von Gewinnoptimierung in Vorleistung treten, um nachträglich etwas erwarten zu können. Nein, wir sollen den Herrn loben für das, was wir bereits erhalten haben und weiterhin bekommen werden. Im weiteren Verlauf der Strophe gibt er uns dafür einige Bespiele: »Sein Wohltat tut er mehren … Hat dir dein Sünd vergeben und heilt dein Schwachheit groß …«

Angesichts persönlicher und weltweiter Sorgen und Problemen ist uns zwar nicht immer zum Loben zumute, aber wir dürfen es lernen. Die Melodie von Hans Kugelmann kann uns dabei unterstützen. In ihrem schwingenden Takt hilft sie, den schweren Tritt zu verlassen und ermutigt, die Sorgen um unser Leben abzugeben. Weil wir wissen, dass wir in Gottes Hand geborgen sind, dürfen wir die unbeschwerten Seiten des Lebens entdecken und genießen und dürfen unseren Lebensweg leicht und behände gehen. Und daraus kann unser Dank entstehen, der uns zu lobenden Menschen werden lässt. Jeden Tag neu!

Frank Plewka,
Landesposaunenwart im Posaunenwerk der EKM

aus GLAUBE+HEIMAT Nr. 35/2012, 26. August 2012

 

19. August 2012

Melodiebogen von Not und Schuld zur Gnade

Aus tiefer Not schrei ich zu dir, Herr Gott, erhör mein Rufen.
(Evangelisches Gesangbuch 299, Vers 1)

Eine gespenstische Szene malt der tschechische Komponist Petr Eben (1929-2007) in seiner Bühnenmusik zu Goethes "Faust": In der Walpurgisnacht tanzt der Hexen-Pöbel Galopp und Walzer (Man tanzt, man schwatzt, man kocht, man trinkt, man liebt ... zum jüngsten Tag fühl ich das Volk ­gereift). Die Drehorgel spielt auf vollen Touren. Die Hexen tanzen ihren infernalischen Reigen zu einer verzerrten Fassung des lutherischen Chorals "Aus tiefer Not ...". Inmitten eines trivialen Walzers kündigt der Fortissimoeinsatz des Chorals das jüngste Gericht an, dessen unmittelbares Bevorstehen das Gesindel nicht ahnt. Es reagiert zunächst nicht, dann aber bricht der Tanz zusammen.

Schreit unsere Zeit noch aus tiefer Not nach ­einem gnädigen Gott, so wie die Zeit der Refor­mation? In unserer säkularisierten Welt leidet der moderne Mensch eher unter Leere und Sinnlosigkeit seines Daseins (in anderer Interpretation des "Es ist doch unser Tun umsonst, auch in dem besten Leben") als unter Schuldbewusstsein. Er ruft ­weniger nach Vergebung als erst einmal nach Sinn, spiritueller Erfüllung, nach der Gegenwart Gottes. Dennoch haben wir allen Anlass, uns auf Gottes Gnade als unsere Lebensgrundlage zu besinnen, wenn nicht unser Tun umsonst, also vergeblich sein soll, sondern umsonst im Sinne von gratis - gratia - aus Gnade.

Als Lieddichter setzt Martin Luther den im 130. Psalm zentralen Gedanken "allein aus Gnade" auch in seiner Melodie kongenial um: Sie illustriert nicht, sie interpretiert. Ein tief ausholender Melodiebogen macht am Strophenanfang den Fall in Not und Schuld sinnfällig, aber schon die Bitte "Herr Gott, erhör mein Rufen" erreicht den höchsten Ton der Melodie, um sogleich wieder zum tiefsten zurückzukehren. So versinnbildlicht die Textvertonung unsere Gottesferne, die durch Gebet, Klage, Lob und Zuversicht zur Gottesnähe werden kann.

Thomas Ennenbach
Propsteikantor
Kirchenmusiker in Lutherstadt Eisleben

aus GLAUBE+HEIMAT Nr. 34/2012, 19. August 2012

 

12. August 2012

Luther traf den Ton des Volkes

Gott der Vater steh uns bei
(Evangelisches Gesangbuch 138, Vers 1)

Obgleich Martin Luther von seiner "garstigen und schnöden Poeterey" überzeugt war, setzte er sich als Schöpfer eines großartigen Liederwerkes ein unvergängliches Denkmal. Luther, der Erfinder des Gemeindegesangs, hat das gesamte Kirchenjahr vertont und schuf für das Trinitatisfest das Kirchenlied "Gott, der Vater, wohn uns bei", das heute den unmissverständlichen Titel "Gott der Vater steh uns bei" trägt.

Als Vorlage diente ihm eine Litanei, welche im Mittelalter als eine Form des gemeinschaftlichen Gebets im Wechselgesang sehr beliebt waren. Das Gesangbuchlied eröffnet demgemäß mit der Anrufung der Trinität, gefolgt von der Bitte um Beistand, Vergebung und Erlösung und endet mit dem Schlussruf "Amen, Amen, das sei wahr".

Seine Lieder schuf Luther unter der Prämisse, den Ton des Volkes zu treffen. Die "Wittenbergische Nachtigall", wie ihn ein Zeitgenosse nannte, suchte nach Gesängen, die einfache, aber reine Worte von klarem Sinn aufwiesen. Dies gelang ihm in diesem Lied in hervorragender Weise. Die mittelalterliche Teufelsgläubigkeit, die heute nicht mehr zu verfangen vermag, lässt sich dabei ohne viel Fantasie auf die Anfechtungen der Moderne übertragen.

Ein Geschenk im Besonderen ist die Melodie, die im ionischen C-Dur Zuversicht und Gewissheit verstrahlt. Sie bewegt sich in einfachen Tonleiterbewegungen und Dreiklangsbrechungen, ist schlicht und kunstvoll zugleich. Durch die litaneiartigen Wiederholungen birgt sie überdies einen meditativen Charakter. Ein gewisser Wort-Ton-Bezug ist unverkennbar. Den tiefsten Punkt erreicht die Melodie, wenn vom "Teufel" die Rede ist, den höchsten beim "festen Glauben" der "rechten Christen". Bekräftigung erfährt der feste Glaube zudem mittels rhythmischer Betonung. Teufel und Glaube sind einander unmittelbar gegenübergestellt, hier monotone Tiefe, dort jubilierende Höhe. "Die Musica", wusste Luther, "verjagt den Geist der Traurigkeit und machet die Leute fröhlich." Den Beweis erbrachte er mit "Gott der Vater steh uns bei".

Marco Lemme
Kantor in der Bachstadt Ohrdruf

aus GLAUBE+HEIMAT Nr. 33/2012, 12. August 2012

 

5. August 2012

Vom rechten Arbeiten und rechten Maßhalten

Ich weiß, mein Gott, dass all mein Tun und Werk in deinem Willen ruhn, von dir kommt Glück und Segen; was du regierst, das geht und steht auf rechten, guten Wegen.
(Evangelisches Gesangbuch 497, Strophe 1)

Das Lied für diese Woche steht im Gesangbuch in der Rubrik "Arbeit". Und das mitten im Urlaubsmonat August: eine Zumutung, denken Sie? Jetzt soll doch endlich entspannt und ausgeruht werden von der Arbeit.

Paul Gerhardt, der Dichter des Liedes, war offensichtlich trotz des Themas "Arbeit" entspannt, denn er schreibt den Text "Ich weiß, mein Gott" zuversichtlich und voll frischen Muts auf eine ältere Weise in strahlendem Dur. Dabei verharrt er zunächst genüsslich eine lange halbe Note auf dem Wort "ich". Selbstbewusst verkündet Gerhardt in ­direkter Anrede an Gott, dass die Arbeit nur dann gut ist und ihren Zweck erfüllt, wenn sie nach Gottes Willen geschieht.

Die Melodie ist dabei fröhlich und voller Energie - ein Aufruf fast. Vielleicht ist es gar nicht so schlecht, sich im Urlaub über das eigene Arbeitsverhalten Gedanken zu machen. Wie arbeite ich ­eigentlich? Und halte ich in Gottes Sinne Maß? Kann sein Segen gedeihen in meinen Werken? Viele Menschen arbeiten eher zu viel als zu wenig und kämpfen mit den Folgen dieser "Arbeitsvöllerei". Andere Menschen leiden unter Arbeitslosigkeit, ­finden keine passende Arbeit oder müssen eine nicht zu ihnen passende Arbeit verrichten. Lassen wir uns von dem Beter in dem Lied anstecken und uns Folgendes für die Zeit des Wiedereinstiegs in die Arbeit oder für den Umgang mit Arbeitslosigkeit oder unpassender Arbeit vornehmen: Morgens, mittags und abends können wir es uns zur Gewohnheit machen, eine kurze Zeit innezuhalten, um daran zu denken, dass das Wichtigste bei allem Tun und Wirken unsere Nähe zu Gott ist.

Der besungene "rechte, gute Weg" ist möglicherweise ein holpriges, bestimmt aber schönes Unternehmen für die Zeit nach der sommerlichen Erholung.

Lena Ruddies
Kantorin in Eilenburg

aus GLAUBE+HEIMAT Nr. 32/2012, 5. August 2012

 

29. Juli 2012

Er ist barmherzig und sehr gut

O gläubig Herz, gebenedei und gib Lob deinem Herren! Evangelisches Gesangbuch 318, Strophe 1, Vers 1

Auf eindrückliche Weise wird hier die Barmherzigkeit, Güte und Zuneigung des Höchsten zu den Menschen gesungen! Die ersten sieben Strophen können sich gar nicht genug daran tun, diese Eigenschaften Gottes und den Umgang mit den Seinen in immer neuen Wendungen zu beschreiben. Die beiden Schlußstrophen gehen von der reinen Betrachtung über in ein Gebet um Aufrichtigkeit und geistliche Erleuchtung.

Der böhmische Liederdichter Michael Weisse erweist sich hier als Meister des treffenden Wortes aus gläubigem Herzen. Was er auch in acht weiteren Texten in unserem Gesangbuch tut, etwa dem schönen "All Morgen ist ganz frisch und neu" (EG 440) oder in dem Osterlied "Gelobt sei Gott im höchsten Thron" (EG 103). Es fällt auf, dass in seinem christlichen Lob- und Danklied nirgenwo der Name Jesu Christi erwähnt wird.

Hier bietet der 103. Psalm Erhellung: Es ist unübersehbar, dass er dem Autor als Leitfaden diente, sowohl inhaltlich als auch in der Gestaltung der Strophen.

Diesen ist eine Weise von Michael Prätorius beigegeben, die dem frohen und zugleich meditativen Charakter des Textes entspricht. Interessant wäre, bei der Realisierung des Liedes mal bestimmte Strophen auf Luthers Weise "Nun freut euch lieben Christeng'mein" zu singen.

Nicht ganz leicht hat man es mit dem altertümlichen Wort "gebenedei", in dieser Formulierung wohl mit "segne" zu übersetzen. Dabei fällt mir ein Erlebnis mit Altkantor Alfred Stier ein, der uns darüber aufklärte, wie wunderbar im Evangelischen Gesangbuch 232, Strophe 1, die drei Töne über dem Wort "Tröster" doch dessen Eigenart ausdrücken würden. Darum: singen Sie doch einfach dieses alte Wort, da blüht es auf und wird schön!

Gottfried Steffen, Kantor i.R. in Sömmerda

aus GLAUBE+HEIMAT Nr. 31/2012, 29. Juli 2012

 

22. Juli 2012

Ermunterung zu Gesang und Lob

Sei Lob und Ehr dem höchsten Gut, dem Vater aller Güte, / dem Gott, der alle Wunder tut, / dem Gott, der mein Gemüte mit seinem reichen Trost erfüllt, dem Gott, der allen Jammer stillt. Gebt unserm Gott die Ehre!
(Evangelisches Gesangbuch 326, Strophe 1)

Das Wochenlied des Dichters Johann Jakob Schütz setzt sofort eine klare Priorität. Natürlich gehört das Lob des Höchsten für uns Christen elementar dazu. Vor Gott spielt es dabei wohl keine Rolle, dass die Talente und Voraussetzungen hierfür sehr unterschiedlich sind, wenn wir ihn nur wirklich aus ganzem Herzen loben. Aber tun wir dies?

Bei der Fußball-EM gehörte das Singen der Nationalhymnen, vor allem die wunderbare der Italiener, zu meinen Lieblingsstellen. Beeindruckend, wie insbesondere Torwart Buffon mit Hand auf dem Herzen seine Hymne zelebrierte. Körpersprache und verbale Aussage stimmten vollkommen überein.

Im Vergleich dazu klingt unser Gemeindegesang oftmals matt. Das Gloria, wo wir in den Gesang der Engel einstimmen dürfen, schlurft müde einher. Dafür mag es Gründe geben. Ein großer Teil unseres Volkes singt kaum noch, weiß nichts von dieser Geist und Körper so wohltuenden Aktivität. Auch ist es natürlich schwer, bei jedem Loben wirklich wach zu sein. Die ritualisierten Abläufe funktionieren ebenso, wenn meine Gedanken gerade ganz woanders spazieren gehen. Schließlich schummeln sich im Alltag leicht Dinge vor das höchste Gut. Eurokrise, Unwetterkatastrophen, Skandale spielen in der medialen Öffentlichkeit eine große Rolle. Für den, der mein Gemüte mit seinem reichen Trost erfüllt, bleibt kaum Platz, auch in Äußerungen der Parteien mit dem C im Namen nicht.

Und doch ist die Rückbesinnung auf Gott als höchstes Gut, der uns mit Mutterhänden leitet und uns die Vateraugen zuneigt, so gut und wichtig. ­Andere Probleme relativieren sich schnell. Das Lied begründet eindrücklich und nachvollziehbar die Notwendigkeit, Gott zu loben. Also: Hand aufs Herz und zuversichtlich und leidenschaftlich gesungen: Gebt unserm Gott die Ehre!

Tobias Börngen, Kantor in Magdeburg

aus GLAUBE+HEIMAT Nr. 30/2012, 22. Juli 2012

 

15. Juli 2012

Das sichtbare Zeichen für ein Leben mit Gott

Ich bin getauft auf deinen Namen, Gott Vater, Sohn und Heilger Geist.
(Evangelisches Gesangbuch 200, Strophe 1)

Früher, vor etwa 270 Jahren, als das Lied entstand, konnte wohl fast jeder von sich sagen: "Ich bin getauft." Wenn wir heute die "Seelen" in den Gemeinden zählen, erschließt sich uns ein ganz anderes Bild, denn getauft zu sein und zur Gemeinde Gottes zu gehören, ist eher die Ausnahme. Die Statistik belegt: Nur noch etwa 20 Prozent der Bevölkerung in Ostdeutschland gehören einer christlichen Kirche an.

So erscheint es verständlich, dass dieses Lied mit dem Text von Johann Jakob Rambach aus dem Jahre 1735 nur noch selten gesungen wird, bei Taufen und am 6. Sonntag nach Trinitatis. Es ist der Sonntag im Kirchenjahr, der dem Taufgedächtnis gewidmet ist. Der Missionsbefehl Jesu im Evangelium des Sonntags "Taufet sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes" wird im Lied zum persönlichen Bekenntnis "Ich bin getauft auf deinen Namen, Gott Vater, Sohn und Heilger Geist". Damit steht es in der in seiner Entstehungszeit weit verbreiteten Tradition des Pietismus, einer Frömmigkeitsbewegung innerhalb der evangelischen Kirche, die anstelle eines in Gewohnheiten erstarrten Christseins den lebendigen persönlichen Glauben in den Mittelpunkt stellt - fest gegründet auf die Bibel und die Lehren der Reformation.

Vom Reformator Martin Luther wird berichtet, dass er, wenn er großer Anfechtung ausgesetzt war, mit Kreide vor sich auf den Tisch schrieb: "Ich bin getauft!" Die Gewissheit, getauft zu sein, stärkte und tröstete ihn in der Hoffnung, von Gott nicht allein gelassen zu werden. Taufe als Beginn und sichtbar gewordenes Zeichen für ein Leben mit Gott. Und Taufgedächtnis als tägliche Aufgabe.

Mit Kreide auf den Tisch zu schreiben, entspricht nicht mehr den heutigen Verhaltensregeln, aber wir können es sagen oder singen (und das nicht nur bei Taufen oder am 6. Sonntag nach Trinitatis): "Ich bin getauft auf deinen Namen, Gott Vater, Sohn und Heilger Geist."

Matthias Schmeiß
Leitender Posaunenwart im Posaunenwerk der EKM

aus GLAUBE+HEIMAT Nr. 29/2012, 15. Juli 2012

 

8. Juli 2012

Ansingen gegen Mutlosigkeit und Zweifel

Preis, Lob und Dank sei Gott dem Herren, der seiner Menschen Jammer wehrt und sammelt draus zu seinen Ehren sich eine ewge Kirch auf Erd.
(Evangelisches Gesangbuch 245, Strophe 1)

Hallo, Petrus Herbert, woher nimmst du die Gewissheit, dass die Kirche so vollkommen ist, wie du sie in deinem Lied beschreibst? "Der Heilig Geist darin regieret, hat seine Hüter eingesetzt, die wachen stets, wie sich's gebühret ... und zeigen an das ewig Licht." Na gut - du bist nur 41 Jahre alt ­geworden und hast dein kurzes Leben damit ­verbracht, der jungen böhmischen Brüderkirche mit hohen Idealen trotz Anfeindungen zu dienen. Das geht nur mit großem Enthusiasmus!

Mich macht es manchmal mutlos, wenn ich merke, wie sehr es in unserer Kirche "menschelt". Ich ärgere mich über Unvollkommenheiten anderer und mein eigenes Unvermögen. Da fällt es mir schwer, solche vollmundigen Texte zu singen.

Du meinst, auch du hattest solche Zweifel? Du brauchtest die kraftvolle Melodie, um dich und andere immer wieder aufzurichten und die Krisen zu überwinden? Da kommst du mir näher: Ich singe gern den Anfang des Liedes, davon, dass Gott "der Menschen Jammer wehrt" - wenn du das 1550 sagen konntest, wie viel mehr kann ich dies heute - und gerade aus diesen unvollkommenen und gescheiterten Bemühungen "sich eine ewge Kirch auf Erd" bauen will. Das Evangelium dieses Sonntags erzählt ebenfalls von einem scheinbar aussichtslosen Unter­fangen, das mit Jesu Hilfe unerwartet gelingt.

Sicher hast du nicht ohne Grund die letzte ­Strophe gedichtet: "Also wird nun Gottes Gemeine ­gepflegt, erhalten in der Zeit." Du meinst also: Nicht du und ich, nicht menschliche Kraft müsse die ­Gemeinschaft der Christen erhalten? Dein Lied ­ermuntert mich, darauf zu vertrauen: "Gott, unser Hort, schützt sie alleine und segnet sie in Ewigkeit."

Darum will ich beten und in diesem Vertrauen meine Kraft, meine Fähigkeiten einsetzen und beharrlich und getrost meine "Arbeit am Reich Gottes" tun. Danke für dein Lied!

Dorothea Voigt
Kreiskantorin in Bad Liebenwerda

aus GLAUBE+HEIMAT Nr. 28/2012, 8. Juli 2012

 

29. Juni 2012

Gott kommt zu uns - unverhofft und überraschend!

Komm in unsre stolze Welt, Herr, mit deiner Liebe Werben.
Überwinde Macht und Geld, lass die Völker nicht verderben.
Wende Hass und Feindessinn auf den Weg des Friedens hin.

(Evangelisches Gesangbuch 428, Strophe 1)

"Ja ist denn heut' schon Weihnachten?" - Diese Frage könnte sich uns stellen, wenn wir am 4. Sonntag nach Trinitatis das Wochenlied aufschlagen. Tatsächlich hat dieses Lied mit seiner Aufforderung "Komm!" recht häufig seinen Platz in der Adventszeit. Warum also gerade jetzt und heute so ein Lied, wo die Temperaturen steigen, jedermann den Sommerurlaub plant und an die Adventszeit wirklich noch überhaupt nicht zu denken ist?

Gott ist überraschend! Er kommt in unsere Welt, auch wenn uns nicht der Sinn danach steht. Dabei haben wir sein Kommen bitter nötig! Hans von Lehndorff dichtete diese Zeile im Jahr 1968, auch heute wirken sie zeitlos. In unser reiches Land, unsere laute Stadt, unser festes Haus und in unser dunkles Herz soll Gott kommen. Man könnte wohl noch hinzufügen: Komm in unsre stolze Kirche!

Hans von Lehndorff durfte persönlich erleben, wie Gott in seine Glaubenswelt ganz ohne Ankündigung - nahezu gegen seinen eigenen Willen - Einzug halten konnte. Als junger Arzt im Zweiten Weltkrieg wurde er eher zufällig durch unerschrockene Christen der Bekennenden Kirche zu einer lebensnahen Frömmigkeit geführt, wie er sie vorher nicht gekannt hatte. Sein Liedtext zeugt von der Bereitschaft, Gottes unerwartetes, überraschendes Wirken im Leben anzunehmen.

Überraschend, das ist auch die Melodie von Manfred Schlenker. Selbst erfahrene Sänger werden beim ersten Singen des Liedes über ein oder zwei Stellen ­stolpern, geradezu streng und spröde mutet das Lied an, komponiert in der alten Kirchentonart Dorisch. Doch beim wiederholten Singen setzt es sich unweigerlich im Ohr fest und klingt in uns weiter - nicht nur in der Adventszeit!

Sebastian Fuhrmann
Kantor in Meiningen

aus GLAUBE+HEIMAT Nr. 27/2012, 1. Juli 2012

 

22. Juni 2012

Erbarmen und Herzlichkeit braucht jeder Mensch
    Gib mir durch dein Barmherzigkeit den wahren Christenglauben,
    auf dass ich deine Gütigkeit mög' inniglich anschauen,
    vor allen Dingen lieben dich und meinen Nächsten gleich wie mich.
    (Evangelisches Gesangbuch 232, Strophe 3
)
Was ist der Glaube, das Leben, das tagtägliche Tun ohne die Barmherzigkeit?

Als Vater von einem zweijährigen Sohn erlebe ich, wie mein Sohn auf Menschen reagiert. Menschen, die ihm zugewandt und geduldig sind, die ihm ein Lächeln schenken, und vor allem Menschen, die Wärme und Herzlichkeit ausstrahlen, ziehen ihn an. In ganz kurzer Zeit erspürt er die Situation und schenkt demjenigen großes Vertrauen. Er weiß sich geborgen, weiß sich angenommen und ist glücklich.
Erbarmen und Herzlichkeit braucht jeder Mensch im doppelten Sinne. Wenn wir beides nicht erhalten, werden wir nicht als fühlendes Wesen wahrgenommen, wir empfinden uns als nicht geachtet und resignieren. Können wir keine Herzlichkeit geben und ausstrahlen, können wir nicht herzlich sein, erstirbt ein Teil von uns. Das Lebensfeuer erlischt und wir werden kalt. Mitmenschen fröstelt es bei der Begegnung mit uns, obwohl wir uns vielleicht korrekt verhalten.
Das Gesagte soll jetzt nicht zu einem Friede, Freude, Eierkuchen führen. Wir schütten über alles die Harmoniesoße, und allen geht es gut. Nein! Aber ich denke, bei allen Konflikten und Problemen, die sich ergeben, ist es wichtig, darauf zu achten, nicht zu einem Prinzipienreiter zu werden, der weiß, was gut und böse ist, dem es anscheinend nur um die Sache geht und der dabei den Menschen vor sich nicht mehr sieht.
Menschen machen Fehler. Ja! Aber ohne Erbarmen, Verzeihung und Herzlichkeit wird es keine Annäherung geben.
Wenn Jesus uns etwas aufgetragen hat, dann Barmherzigkeit zu üben, den anderen anzunehmen, so wie Gott uns annimmt.

Johannes Schymalla
Domkantor in Stendal

aus GLAUBE+HEIMAT Nr. 26/2012, 24. Juni 2012

 

17. Juni 2012

Gott ruft zum Gottesdienst - wir können mitrufen
Ich lobe dich von ganzer Seelen, dass du auf diesem Erdenkreis
dir wollen eine Kirch erwählen zu deines Namens Lob und Preis,
darinnen sich viel Menschen finden in einer heiligen Gemein,
die da von allen ihren Sünden durch Christi Blut gewaschen sein.
(Evangelisches Gesangbuch 250, Strophe 1)

Wenn man den Text der ersten Strophe liest (oder besser: singt), ist man geneigt zu denken: "Früher war einfach alles besser." Da ist von vollen Kirchen die Rede; das ist bei uns allenfalls noch am Heiligen Abend der Fall. Doch dann, in der zweiten Strophe heißt es plötzlich: "Man höret immer deine Klage, dass nicht dein Haus will werden voll." Ist das also doch kein neues Phänomen?
Laut einer Umfrage leben wir in der Region mit der geringsten Dichte an Gläubigen weltweit: So glauben gerade 13 Prozent der Bevölkerung der ehemaligen DDR an Gott. Man darf nicht voraussetzen, dass der Besuch des Gottesdienstes bei breiten Bevölkerungsschichten zum allsonntäglichen Ritual gehört. "Du rufest auch noch heutzutage, dass jedermann erscheinen soll" (zweite Strophe): Vielleicht müssen wir genau das tun und für den Besuch der Gottesdienste werben? Ein Beispiel aus unserem Kirchenkreis Bad Frankenhausen-Sonders­hausen zeigt: Wenn der Gottesdienst in der Zeitung explizit beworben wird, kommen mehr Menschen, vor allem, wenn der Chor diesen mitgestaltet.
"Deswegen schickst du auf die Straßen, zu laden alle, die man find't; du willst auch die berufen lassen, die blind und lahm und elend sind." Wir leben in einer Zeit, die von "Events" geprägt ist. Deshalb sollten zumindest manche unserer Gottesdienste durch musikalische Höhepunkte und andere Besonderheiten geprägt sein. So lassen sich - hoffentlich - jeweils Menschen aus unterschiedlichen Alters- und Bevölkerungsstrukturen ansprechen.
Wenn das gelingt, könnte die dritte Strophe zur Realität werden: "Du, Gott, hast dir aus vielen Zungen der Völker eine Kirch gemacht, darin dein Lob dir wird gesungen in einer wunderschönen Pracht (...)."

Andreas Fauß
Kreiskantor in Sondershausen

aus GLAUBE+HEIMAT Nr. 25/2012, 17. Juni 2012

 

10. Juni 2012

Das Markenzeichen Gottes bei uns Christen
Du süße Lieb, schenk uns deine Gunst, lass uns empfinden der Lieb Inbrunst, dass wir uns von Herzen einander lieben und im Frieden auf einem Sinn bleiben. Kyrieleis.
(Evangelisches Gesangbuch 124, Vers 3)

Das war hart, als heute früh um halb acht der Wecker klingelte. Um halb zehn sollte ich auf der Orgelbank sitzen und den Gottesdienstbesuchern wenigstens akustisch einen ausgeschlafenen Eindruck hinterlassen, und das nach einer kurzen Nacht. Bis halb fünf diskutierte ich mit einer Freundin über das Thema "Heiliger Geist".

Mit der Trinität wäre das alles nicht so kompliziert, wenn es nur um Gott, den Vater, und den Sohn ginge. Doch sobald die Frage um den Heiligen Geist auftaucht, gibt es Verwirrung, Verunsicherung und selten auch mal ein "Aha". Manchmal sind es gerade die nächtlichen Gespräche. Ich erinnere an das Evangelium des vergangenen Sonntags: Nikodemus und Jesus. Mitten in der Nacht kommen die beiden auf genau dieses Thema. Was für mich bei diesem Gespräch herauskam, war erstaunlich. Der Heilige Geist ist ganz einfach die Liebe Gottes: Du kannst sie nicht sehen, aber sie ist da, überall wo Menschen aus dieser Liebe leben.

Vielleicht ist der Heilige Geist so etwas wie die Seele Gottes. Wenn von einer "guten Seele" die Rede ist, steckt da jemand dahinter, in dessen Umgebung man sich einfach nur wohlfühlt. Wie kommt das? Es gehört zur Liebe dazu, dass sie ausstrahlt. Das sieht man nicht direkt. Aber ich merke es an vielen Kleinigkeiten und möchte sagen: "Die Liebe ist das Markenzeichen Gottes bei uns Christen." Sie verbindet uns zu einer weltumfassenden Gemeinschaft.

Ob dieses Markenzeichen an mir von anderen gesehen wird? Kann sein - wenn ich von meiner Empore heruntersteige und noch etwas Zeit habe für die Gemeindeglieder, die sich darüber freuen, mich auch mal zu sehen und nicht nur aus der Ferne lautstark zu hören. Wenn das klappen sollte, könnte ich mir direkt ein Mittagsschläfchen leisten.

Thomas Wiesenberg
Kantor in Aschersleben

aus GLAUBE+HEIMAT Nr. 24/2012, 10. Juni 2012

 

3. Juni 2012 

Wir haben allen Grund zum Loben und zum Danken

Gelobet sei der Herr, ... der mir mein Herz erquickt, der mir gibt neue Kraft,  der mir in aller Not Rat, Trost und Hilfe schafft.
(Evangelisches Gesangbuch 139, Vers 3)

Dieser Textausschnitt ist dem Wochenlied für das Trinitatisfest "Gelobet sei der Herr" entnommen. Für mich ist dieses Lied seit meiner ­Jugendzeit zum Inbegriff der trinitarischen Lieder geworden. Kennengelernt habe ich es über die gleichnamige Bach-Kantate (BWV 129).

Diese Kantate ist ungewöhnlich reich an Ideen und sehr festlich instrumentiert. Zwei prachtvolle Chorsätze eröffnen und beschließen das Werk. Sicher hat Bach bereits gespürt, dass das ganze Lied ein einziger Lobpreis auf Gottes Schöpfung und die Heilsgeschichte ist. Und insbesondere das kommt zum lobenden Ausdruck, was wir täglich erfahren können: Gottes Trost im Leben, in Freude und Leid; Er erquickt das Herz; Er gibt neue Kraft; Er gibt Rat, Trost und Hilfe in aller Not.

Gott Vater steht in diesem Liedtext für den Schöpfer, der Leib und Leben gegeben hat, Jesus Christus als der, der Glauben schenkt, und Gottes Geist ist es, der das Herz erquickt und neue Kraft schenkt.

Der Dichter Johann Olearius, der das Lied im Jahre 1665 schrieb, hat dies alles sicher auch in seinem Leben erfahren. Deshalb wundert es nicht, dass vier der fünf Strophen mit "Gelobet sei der Herr" beginnen. Es wundert ferner nicht, dass am Ende des Liedes die Aufforderung steht, mit allen Engeln und der gesamten Christenschar in dieses Lob einzustimmen.

Nur wer auch die Schattenseiten des Lebens kennt, kann ermessen, was es heißt, wenn das Herz erquickt wird oder wenn einem neue Kraft geschenkt wird. Im Angesicht eines solchen Textes wird mir ­immer wieder deutlich, dass wir Menschen öfter mehr Grund zum Klagen zu haben scheinen als zum Loben und Danken!

Schön, wenn dieses Lied uns wieder mehr zum Loben und Danken ermutigt!

Martin Meier
Kantor und Organist der Stadtkirche St. Michael in Jena

aus GLAUBE+HEIMAT Nr. 23/2012, 3. Juni 2012

 

27. Mai 2012

Immer der gleiche oder doch ein neuer Geist?

    Komm, Heiliger Geist, Herre Gott, erfüll die Herzen deiner Gläubigen.
    (Evangelisches Gesangbuch 125, Vers 1)

"Komm, Heiliger Geist" - wirklich - wohin?! "Erfüll die Herzen deiner Gläubigen" - wirklich - womit?! Was passiert, wenn der Heilige Geist etwas eingibt, was wir nicht kennen oder wollen oder vertragen?

Das große Pfingstlied geht zurück auf die Urbitte der Christenheit: "Komm, Heiliger Geist, erfüll die Herzen deiner Gläubigen" (vgl. auch EG 156). In der Urform war der Gesang eine Psalm-Antiphon, also ein Rahmenvers. Solche Antiphonen haben sich durchaus verselbstständigt, sind bereits im Mittelalter Vorlagen zu Liedern geworden, waren bekannt und verbreitet. Luther hat diese eine Strophe zur Grundlage seines Liedes genommen.
Wie auch in anderen Liedern fügt er weitere Strophen mit verdichteter reformatorischer Theologie an. Bereits in der ersten Strophe verändert Luther das Original und fügt um der Trinität willen den "Herre Gott" ein.
In seinem weiteren Pfingstlied (Evangelisches Gesangbuch 126) nimmt er den Heiligen Geist als Schöpfer (!) auf. Die Melodie ist lang, gliedert sich jedoch in zwei mal vier Zeilen, die bis auf wenige Töne ganz gleich sind, gefolgt vom österlichen "Halleluja".

Viele Komponisten haben sich dieser Melodie und dem von ihr getragenen Text angenommen. Soweit, so gut und bedeutend. Aber reicht das? Muss ein inzwischen wenig bekanntes Lied weiter gesungen werden, nur weil es einmal wichtig war und eine lange Rezeptionsgeschichte hat?

Nicht umsonst sind immer wieder neue Lieder zum Thema "Pfingsten" entstanden, etwa jenes mit dem Refrain "Komm, Heilger Geist, mit deiner Kraft, die uns verbindet und Leben schafft". Hier sind gleich zwei der Unterthemen, das "Verbinden" und das "Leben-Schaffen", aufgenommen. Und das in einer Sprache, die wir sprechen und verstehen. Der Heilige Geist weht nicht nur, wo er will und verändert Menschen, sondern er verändert sich auch und braucht das immer neue Lied!

Beate Besser
Kirchenmusikdirektorin in Schönebeck

aus GLAUBE+HEIMAT Nr. 22/2012, 27. Mai 2012

 

20. Mai 2012

Ermutigend für die eigene Gottesbeziehung

Heiliger Geist, du Tröster mein, hoch vom Himmel uns erschein mit dem Licht der Gnaden dein.
(Evangelisches Gesangbuch 128, Vers 1)

Das Wochenlied zum Sonntag Exaudi beleuchtet die Gedanken der Jünger Jesu nach Christi Himmelfahrt. Nach dem Segen durch den Auferstandenen können sie getröstet auf die Kraft des Heiligen Geistes warten. Dabei haben sie Jesus und seine letzten Worte deutlich vor Augen und Ohren.
Diese Situation können wir beim Singen des Liedes nachempfinden. In der Verknüpfung zwischen der Kirchentonart dorisch und dem schwingenden Dreiertakt merke ich in jeder Strophe die gelungene Einheit von Wort und Ton. Ein Zusammenhang, den ich mir sinnbildlich gesprochen auch zwischen meiner Seele und mir wünsche. In der ersten Strophe lasse ich mich von der Bitte um das Erscheinen des Heiligen Geistes berühren, der uns mit seiner Gnade trösten möchte.
In den folgenden Versen werden alle Lebensbereiche des Menschen angesprochen. Das rührt mich an, denn vor meinem inneren Auge tauchen plötzlich aktuelle oder auch vergangene Lebenssituationen auf. Kann mich der Heilige Geist trösten? Was bewirkt er? Welchen Trost habe ich nötig?
Vieles, was unserer Seele heute an Leid, aber auch an Freude und Dank widerfährt, sprechen wir nicht mehr aus. Fehlt uns möglicherweise das Gegenüber? Eher trösten wir uns mit Ersatzhandlungen, die die Defizite nur noch verstärken. Richtig trösten kann ich mich aber nur, indem ich die Beziehung zwischen Gott und mir zulasse und die Dinge, die mich bewegen, auch ausspreche.
Im Grunde spielt es für mich keine entscheidende Rolle, wie der Heilige Geist wirkt. Entscheidend ist, dass Er mir die Grundlagen aufzeigt, die mir in meinem Leben Zeit und Raum geben, die Erfahrungen in diesem Sinne zu erweitern. Am ehesten natürlich in der Kirchenmusik mit Gleichgesinnten. Viele Menschen sollen erkennen, wie tröstend und ermutigend das Singen für die eigene Seele und wie hilfreich es für die eigenen Gottesbeziehung sein kann.

Carsten Miseler
Kreiskantor in Bleicherode

aus GLAUBE+HEIMAT Nr. 21/2012, 20. Mai 2012

 

13. Mai 2012

Ein Trost auch in schwerer Zeit

Von allem Übel uns erlös; es sind die Zeit und Tage bös.
Erlös uns von ewigen Tod und tröst uns in der letzten Not.
(Evangelisches Gesangbuch 344, Vers 8)

Rogate heißt dieser Sonntag im Jahreskreis der Kirche - "Betet!" Was liegt da näher als das Gebet des Herrn, "Vater unser im Himmelreich", das Lied der Woche, das Martin Luther 1539 gedichtet hat.

Viele Liederdichter und Komponisten haben sich des Vaterunsers angenommen. Von Martin Luther und Samuel Scheidt über Hans Leo Haßler bis hin zu Jochen Rieger reicht die Reihe. Sie alle haben uns durch ihre Kompositionen das Gebet in Text und Musik nähergebracht, einfühlsam und erfahrbar gemacht. Gerne erinnere ich mich hier an eine musikalische Freizeit, die wir vor einigen Jahren zum Thema veranstaltet haben.

Aber auch ganz persönlich konnte ich das erleben. Als junger Mensch stand ich am Kranken- und Sterbebett meiner Großmutter. Mein kurzes Gebet war: Herr, nicht wie wir wollen, sondern: Dein Wille geschehe! Diese Worte gaben mir Trost und Kraft. So habe ich dieses Lied mit seiner alten Melodie auch in mein Herz geschlossen.

In meinem Dienst erlebte ich auch traurige Situationen im Miteinander und im Leben der Gemeinde. Da half mir der Refrain von Thomas Egers Lied mit der Melodie von Jochen Rieger nach unserem Lied aus dem Evangelischen Gesangbuch 344, Vers 8: "Vater im Himmel, erlöse uns, erlöse uns doch vom Bösen! Hilf heraus aus der Nacht der Macht! Rette uns vor dem Zerstörer! Vater im Himmel, erlöse uns, erlöse uns doch vom Bösen!"

Der Schlussvers von Martin Luthers Lied ist für mich der Höhepunkt. Die Gebetsverse zielen auf diesen Schluss und erhalten ihre Spannung bis zum Amen. "Amen, das ist: es werde wahr. Stärk unseren Glauben immerdar, auf dass wir ja nicht zweifeln dran, was wir hiermit gebeten han auf dein Wort, in dem Namen dein. So sprechen wir das Amen fein." Das Amen ist unsere Antwort. Der Schlussvers ist für mich mein Credo.

Editha Weber
Gemeindepädagogin und Kantorin in Möckern

aus GLAUBE+HEIMAT Nr. 20/2012, 13. Mai 2012

 

 

6. Mai 2012

So ein fröhlicher Gesang steckt an

Gott solln wir fröhlich loben, der sich aus großer Gnad durch seine milden Gaben uns kundgegeben hat.
(Evangelisches Gesangbuch 243,6)

Dienstagabend, gegen 21.15 Uhr im Greizer ­Gemeindehaus. Ich probe mit dem Chor die große Fuge "Ehre, Lob und Preis sei dir, ewiger, ­gütiger Gott!" aus den "Jahreszeiten" von Haydn. Ich gebe den Einsatz, und nacheinander setzen alle Chorstimmen ein. Die gesungenen Töne sind ­richtig, doch das klangliche Ergebnis ist von einem ­Lobgesang weit entfernt!

Der Rhythmus ist ungenau, und ich merke, dass meine Choristen sichtlich müde von den Strapazen des Tages sind. Ich breche ab, setze mein strahlendstes Lächeln auf, verzichte auf musikalische Anweisungen, sondern zitiere lediglich die sechste Strophe des Liedes "Gott solln wir fröhlich loben ..." Und siehe da: Der Satz beginnt zu swingen, und ich ertappe mich dabei, die Tenorstimme lautstark ­mitzusingen.

Nach diesem Erlebnis lese ich mir zu Hause den Text des Chorals der Böhmischen Brüder aus dem Gesangbuch von 1544 durch. Für mich sind in der sechsten Strophe drei Wörter besonders wichtig: "fröhlich", "loben" und "Gnade".

Ist es nicht so, dass mit Fröhlichkeit und Humor das Leben viel lebenswerter ist? Ist es nicht wunderbar, im Alltag für seine Mitmenschen ein gutes Wort zu haben? Fröhlichkeit steckt an und kann Menschen aus ihren "Tiefen" holen.

Werden wir nicht alle gern gelobt? "Loben" heißt für mich, sein Gegenüber zu würdigen und sein Tun zu bestätigen. Durch "Loben" gelingt es oft, seine Mitmenschen zu motivieren, weiterhin Gutes zu tun.

Gottes Gnade bedeutet für mich auch, dass ich fröhlich sein und loben kann und die Herausforderungen des Lebens im Vertrauen auf die Gegenwart Gottes mit Gelassenheit meistere. Ich bin davon überzeugt, dass wir Grund haben, Gott fröhlich zu loben. Eine Möglichkeit, dies zu tun, ist das Singen des wunderbaren Chorals aus dem Gesangbuch Nr. 243!

Oliver Scheffels
Propsteikantor, Greiz

 

aus GLAUBE+HEIMAT Nr. 19/2012, 6. Mai 2012

 

 

29. April 2012

Den Anschluss verpasst?

Mit Freuden zart zu dieser Fahrt lasst uns zugleich fröhlich singen, beid, groß und klein, von Herzen rein mit hellem Ton frei erklingen.
(Evangelisches Gesangbuch 108,1)

Nein, unserer Lebenswirklichkeit entspricht dieser Text nicht mehr. Und ganz davon abgesehen, dass er schon in den ersten Versen von altertümlichen Wortverbindungen nur so strotzt, ist sein Versmaß derart stotternd, dass eine fließende Vertonung nur sehr schwer möglich erscheint. Sollen wir also auf die nächste Gesangbuchreform warten, die uns dies Lied hoffentlich ersparen wird?

Vor 24 Jahren saß ich als frisch immatrikulierter Kirchenmusikstudent in einer Vorlesung im Fach ­Liturgik. In einem inhaltlichen Abstecher in die Hymnologie bekamen wir zu hören, dieses Lied würde ein Auswendiglernen unbedingt lohnen und sollte nicht nur in der Osterzeit gesungen werden. Ich versuchte das Auswendiglernen und Meditieren - ohne Erfolg; mein Unverständnis galt nicht nur dem Lied, sondern auch dem ansonsten hoch geschätzten Dozenten.
Es ist trotzdem eins meiner Lieblingslieder. Mit ihm habe ich mich beworben, mit ihm gerungen in einigen Bearbeitungen für Chor oder Orgel, und ­geheiratet habe ich mit ihm auch. Aber es ist mir nie in den Sinn gekommen, dass der Text eine neue ­Melodie gebrauchen könnte.

Ja, was denn nun? Bin ich selbst inzwischen der Lebenswirklichkeit entrückt? Habe ich mich in ­meiner festen Kirchen-Burg verbarrikadiert und den Zeit-geistlichen Anschluss verpasst? Ein Lied, das seit über 400 Jahren gesungen wird, hat sein Verbleiben in unserem Gesangbuch nicht der Trägheit von Gesangbuch-Kommissionen zu verdanken. Ein Credo, das seit 1800 Jahren gesprochen wird, ist vielleicht schon seit 1700 Jahren aus der Mode, aber noch heute aktuell. Mitunter muss ich mit unseren Texten ringen, bevor ich merke, dass sie gut sind und gut tun.

Wie lange muss ich mich abmühen, um einen Hauch von Verständnis spüren zu können? Sind 24 Jahre genug?

Sebastian Saß
Kirchenmusiker in Bernburg

aus GLAUBE+HEIMAT Nr. 18/2012, 29. April 2012

 

 

22. April 2012

Worauf ich mich verlassen kann

Der Herr ist mein getreuer Hirt, hält mich in seiner Hute, darin mir gar nicht mangeln wird jemals an einem Gute.
(Evangelisches Gesangbuch 274, Vers 1)

Verträge gehören zu unserem Lebensalltag und erfordern beidseitige Rücksichtnahme. Doch wie oft erfahren wir Vertragsbruch, sei es durch die persönliche Betroffenheit im Arbeitsleben oder in privaten Freundschaften. Enttäuschung und Bitterkeit machen sich breit: Auf wen kann ich mich noch verlassen? Was hilft mir in dieser Situation weiter? Jahrtausendealte Erfahrungen können und wollen uns Lebenshilfe sein.
Psalm 23 aus dem Gesangbuch des jüdischen Volkes gehört auch heute noch zu den sehr bekannten Texten der Bibel, zahlreiche Umdichtungen und Vertonungen machen die Beliebtheit des Textes deutlich. Zu den Vertrauensliedern des Psalters gehörend, ist Psalm 23 prägnant in seiner eindrucksvollen Bildersprache.

Das Wochenlied ist eine schlichte Ver-Dichtung des Psalms. Gott als der gute Hirte steht in den Versen 1 bis 4; er gibt den Menschen, die sich ihm anvertrauen, was sie zum Leben brauchen - in jeder Lebenssituation. Er geht mit uns durch "dick und dünn". Gerade in ausweglosen Situationen ist Er bei uns. Vers 5 verweist auf Jesus, eine zur Entstehung des Textes übliche lutherische Interpretationspraxis.

Die von dem "Urkantor" Johann Walter stammende Melodie entstand 1524, schon vor dem Text. Sie führt uns durch Höhen und Tiefen - so wie auch unsere Lebenswege verlaufen.

Der "Sonntag des guten Hirten" (nach dem Psalm des Sonntags eigentlich "Die Erde ist voll der Barmherzigkeit des Herrn") hat seinen guten Platz zwischen Ostern und Pfingsten. Der Gott des Alten Testamentes gibt uns das Lebensnotwendige und noch mehr.

Durch seinen eigenen Sohn schenkt er uns ein Leben bei ihm in alle Ewigkeit. Verstehen und Begreifen kann ich es nur, wenn ich mit seinem Heiligen Geist, dem "reinen Wasser" beschenkt werde. Es liegt an uns, wie wir mit diesem wunderbaren "Vertrags-Angebot" umgehen!

Annelies Merker
Kantorin i. R., Hermsdorf

aus GLAUBE+HEIMAT Nr. 17/2012, 22. April 2012

 

15. April 2012

Ohne Musik wäre ich Gott fern

Tod, Sünd, Leben und auch Gnad, alls in Händen er hat; er kann erretten alle, die zu ihm treten. Kyrie eleison.
(Evangelisches Gesangbuch 102, Vers 3)

Es ist dunkel, mir ist kalt und ich bin müde. So stehe ich wie in den vergangenen Jahren vor dem Eingangstor zur Autobahnkirche Hohenwarsleben. Es sind nur noch wenige Minuten der Stille, der Schatten und des Wartens. Worauf warte ich? Auf das erste Licht, das uns den Weg zur Kirche weist, den ersten Gesang des Chores, den dreimaligen Osterruf und das erste Stück Schokolade nach der Fastenzeit. Dabei erinnere ich mich an das letzte Gespräch am Abendbrottisch: "Mami, was kann man denn alles fasten? Geht auch Gemüse und Obst oder Flöte üben? Oder Klavier und Orgel spielen? Du kannst doch nächstes Jahr Musik fasten!" Musik fasten - wie würde das gehen?
Das würde heißen: keine Tisch- und Gute-Nacht-Lieder, keine Chorproben, mein Handy dürfte nicht klingeln, langweilige Autofahrten, kein Gang in den Keller, ohne mir Mut zuzupfeifen, kein Restaurant- und Kaufhausbesuch, keine Filme und Hörspiele, offizielle Anlässe wären undenkbar, Fußballspiele müssten ausfallen, mein Computer müsste ausbleiben ... Ihnen fallen bestimmt noch weitere Dinge ein.
Für uns, die wir als "Ohrenmenschen" zur Welt gekommen sind, undenkbar. Es ist erwiesen, dass es keine Gesellschaftsform ohne ihre eigene Musik gab und gibt. Somit gehört sie zum Leben. Aber Musik kann noch mehr. Sie schafft das, was kein gesprochenes Wort kann: Stimmung! Sie kann Unsagbares ausdrücken, Grenzen überschreiten, Menschen verbinden, Gott erfahrbar machen - immer und überall. Ohne Musik wäre ich Gott fern. Ohne Musik könnte ich nicht leben, hätte keinen Lebenssinn.
Ostern treffen sich Tod, Sünde, Leben, Gnade in Gottes Hand. Die Osterbotschaft erscheint mir immer wieder unfassbar, unsagbar. Aber sie ist da, klingt und stimmt in mir und kein Zweifel an Gottes Rettung findet Platz. Diese Stimmung wünsche ich allen, die mit mir oder anderen Ortes in die Osterzeit gehen.

Konstanze Schlegel
Kantorin in Wolmirstedt

aus GLAUBE+HEIMAT Nr. 16/2012, 15. April 2012

 

8. April 2012

Herr! Herrlich! Halleluja!

    Erschienen ist der herrlich Tag,
    dran niemand g'nug sich freuen mag.
    (Evangelisches Gesangbuch 106,1
)

Herrlich! Was für ein herrlich schönes Wort für ein herrliches Ereignis. Zwei Worte stecken in diesem Wort - "Herr" und "ich". Der Herr ist auferstanden - für mich - für uns - für alle. Herrlich!
Der Lutherzeitgenosse und Anhänger der Reformation Nikolaus Herman veröffentlichte dieses und andere Lieder 1560 unter dem Titel "Die Sonntagsevangelia über das Jahr in Gesänge verfasset für die Kinder und christlichen Hausväter". Außerdem schuf er die Melodie zum Lied EG 79 zu seinem Text "Wir danken dir, Herr Jesu Christ, dass du vom Tod erstanden bist" (EG 107).
Es ist nicht nur für Pfarrer, Katecheten und Kirchenmusiker eine Herausforderung, von der Todesbetrübnis des Karfreitags zum Himmelhochjauchzen am Ostersonntag zu kommen. Der mitfeiernden Gemeinde geht es garantiert ähnlich. Gut, dass unsere Altvorderen ihre Gefühle in Texten und Melodien festgehalten haben. Mit dem Gesang gelingt uns das Trauern und Jubeln.
Im Themenjahr "Reformation und Musik" wird in Hildburghausen zu jedem Gottesdienst ein Lied aus der Reformationszeit gesungen. Darum wird dieses Lied am Osterfest an der Liedertafel stehen. Was wäre Ostern ohne dieses Lied?
Jedes Jahr kommen die Schokoladenweihnachtsmänner und deren Osterhasenkollegen früher in die Läden. Dieses Phänomen beklagen wir mit Recht. Wenn es denn aus Vorfreude auf die bevorstehenden Feste wäre. Mit dem Wörtchen "herrlich" können wir unsere wahre (Vor)Freude ausdrücken. Wir verwenden es bedauerlicherweise nur noch selten in unserem Sprachgebrauch. Nutzen wir es doch einfach mal anstelle von cool oder super. So bekommen wir die Osterbotschaft nicht nur in unsere Sprache, sondern in unseren Alltag!
"Drum wollen wir auch fröhlich sein, das Halleluja singen fein und loben dich, Herr Jesu Christ; zu Trost du uns erstanden bist. Halleluja." Herr! Herrlich! Halleluja!

Torsten Sterzik
Kirchenmusikdirektor in Hildburghausen

aus GLAUBE+HEIMAT Nr. 15/2012, 8. April 2012

 

1. April 2012

Nicht einfach das Leiden verdrängen

Herr Jesu, dir sei Dank für alle deine Plagen für deine Seelenangst, für deine Band und Not, für deine Geißelung, für deinen bittern Tod.
(Evangelisches Gesangbuch 87,1
)

In der Kirche im Diakoniewerk Halle gibt es ein eindrückliches Buntglasfenster. Es stellt den ­leidenden Christus dar mit Dornenkrone, Purpurmantel, Rohrstock in der rechten Hand und Blick mit halbgeöffneten Augen zum Himmel.
So, wie der "Schmerzensmann" häufiger in der Kunstgeschichte gezeigt wird, erscheint er auch in der Poesie des schlesischen Dichters Adam Thebesius, der vermutlich schon um 1638 den Text unseres Wochenliedes verfasst hat. Die Dichtung folgt ­einer Art Passionsbetrachtung, bezogen auf Jesaja 53,3-7 und die Berichte des Neuen Testaments.

Der Mann der Schmerzen, der Vir dolorum, steht im Zentrum der Betrachtungen. Die Melodie stammt nach neuesten Erkenntnissen vermutlich nicht von Martin Jan, einem gebürtigen Merseburger, sondern entstand schon Ende des 16. Jahrhunderts. Jan, der auch in Schlesien wirkte, hat sie nur bearbeitet.
Stilistische Elemente der Melodie sind typisch für das ausgehende 16. Jahrhundert. Dies gilt vor allem für die rhythmische Gestalt, die besonders an einen ruhigen Tanzsatz erinnert. Das Lied lässt sich wunderbar singen. In der Melodiebewegung herrscht eine große Ruhe, die man fast als kontemplativ ­bezeichnen könnte.

Sie entspricht damit auch der Affektlage des Textes und bildet eine erstaunliche Einheit zwischen Text und Melodie. Diese kontemplative Ruhe ist ­bemerkenswert, wenn man bedenkt, dass das Lied in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges entstand.

Als Wochenlied der Karwoche hätten wir für ­jeden Tag bis Karsamstag eine Strophe, mit der wir singend oder betend das Leiden Christi bedenken können. In unserer heutigen Zeit sind wir oft dabei, dieses Leiden zu verdrängen. Mit Hilfe des Wochenliedes könnten wir innehalten und zur Ruhe kommen in unserem hektischen Alltag.

Tim-Dietrich Meyer
Kirchenmusiker in Halle

aus GLAUBE+HEIMAT Nr. 14/2012, 1. April 2012

 

 

26. März 2012

Wenigstens wollen können wir das

O Mensch, bewein dein Sünde groß, darum Christus seins Vaters Schoß äußert und kam auf Erden.
(Evangelisches Gesangbuch 76,1)

Na toll, weinen soll ich über meine Sünde und das Ganze dann auch noch besingen. Irritiert hat mich das schon als junge Sängerin. Da habe ich diesen Choral als Schlusschor (Teil 1) von Bachs Matthäuspassion mitsingen dürfen. Text, Melodie und Chor mit Orchester, das ging durch und durch.

Dass ich viel falsch mache, war mir klar - und das lag nicht nur an von mir erzeugten falschen Tönen. Jesus, der Tote zum Leben erweckt, Krankheiten heilt, Beziehungen ordnet und überhaupt alles richtig macht, der trägt die Folgen meiner Fehlentscheidungen, meines Versagens, die schwere Last am Kreuz - lange. Furchtbar! Und dabei singen wir die 21 Strophen, die den Passionsweg erzählen, gar nicht mehr. Nur die erste und letzte Strophe, eine eindringliche Mahnung, auf die Sünde zu verzichten, stehen noch in unserem Gesangbuch.

Das klingt, als hebe ein Lehrer den strengen Zeigefinger. Tatsächlich stammt die Dichtung von einem Schuldirektor, zugleich erster lutherischer Kantor an St. Sebald in Nürnberg. Sebald Heyden (1499-1561) veröffentlichte 1525 diese Nacherzählung der Leidensgeschichte Jesu, die "Große Passion" und wurde zum Schöpfer des ältesten evangelischen Passionsliedes überhaupt. Die Melodie stammt von Matthias Greiter (1490-1550), Kantor in Straßburg.

Trotzdem ist dieser Choral kein schönes Lied. Es ist ein Streitlied gegen unser Machtstreben, unsere Selbstüberschätzung - damals wie heute. Und doch ein großer Lobgesang auf Jesus, der es geschafft hat, mit unendlicher Liebe die Beziehung zwischen Gott und Menschen in Ordnung zu bringen. Und das gilt. Für immer. Und für jeden, der in diese Beziehung hinein will.

Zusammen mit dem, dessen "Wort so helle scheint", ist es vielleicht zu schaffen, "der Sünde feind" zu sein. Wenigstens wollen können wir das. Alles andere hat er ja schon getan "wohl an dem Kreuze lange." Was für ein wunderbarer, großer Gesang!

Christine Widiger
Kantorin in Blankenhain

aus GLAUBE+HEIMAT Nr. 13/2012, 25. März 2012

 

 

18. März

Zwischen Verzweiflung und Hoffnung

Korn, das in die Erde, in den Tod versinkt, Keim der aus dem Acker in den Morgen dringt - Liebe lebt auf, die längst erstorben schien: Liebe wächst wie Weizen, und ihr Halm ist grün.
(Evangelisches Gesangbuch 98,1)

Das Wochenlied für den Sonntag Lätare ist eines meiner Lieblingslieder. Es spricht mit klaren Worten. Vor meinen Augen erscheint ein Bild. Ich sehe Farben: braun getrocknete Blätter, einen grauen Himmel und schwarze Erde. Ich stehe auf dem Friedhof.

Die Gräber sind mit Tannenzweigen bedeckt. Ein paar Steckblumen geben ein Zeichen der Liebe. Ich spüre, wie mein Herz schwer wird. Tod und Leben, Trauer und Freude, Verzweiflung und Hoffnung.

Die Melodie dieses Liedes erklingt in meinem Ohr. Ein trauriger Klang vermischt sich mit überraschend fröhlichen Akkorden. Die Melodie bewegt sich nach oben und senkt sich gleich wieder wie eine Verbeugung. Sie bewegt sich vorwärts und bleibt im Fluss. Ich spüre, wie mein Herz sich an die Bewegung anschließt. Ich gehe mit.

Auf dem halben Weg durch die Passionszeit liegt der Sonntag Lätare. Er hat seinen Namen aus der Bibel: "Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich alle" (Jesaja 66,10). Wir werden an diesem Sonntag daran erinnert, dass wir auf Ostern zugehen. "Liebe lebt auf, die längst erstorben schien: Liebe wächst wie Weizen, und ihr Halm ist grün." Wir bewegen uns mit Jesus auf einem Weg der Hoffnung, und wir können uns freuen, denn Jesus wird sterben wie ein Weizenkorn und wird auferstehen am dritten Tag!

Dieses Lied macht uns Hoffnung und gibt uns Trost auf unserem Lebensweg! Im englischen Originaltext heißt es in der letzten Strophe: "Wenn wir trauern oder Schmerz empfinden, kann deine Berührung uns wieder ins Leben rufen." Wieder erscheint vor meinen Augen ein Bild. Ich stehe auf dem Friedhof. Alles blüht und lebt. Die Grabsteine glitzern im Sonnenschein. Du lebst, so lebe auch ich!

Sarah Herzer
Kantorin an der Schlosskirche und am Predigerseminar in Wittenberg

aus GLAUBE+HEIMAT Nr. 12/2012, 18. März 2012

 

11. März

Dass wir auch gerne vergeben

Du schöner Lebensbaum des Paradieses,
gütiger Jesus, Gotteslamm auf Erden.
(Evangelisches Gesangbuch 96,1)

In Grimms Märchen von der weißen Schlange bringt der goldene Apfel vom Baum des Lebens einem Menschenpaar Glück und Zufriedenheit. Für Adam und Eva hingegen hat der Genuss der Frucht vom "verbotenen" Baum der Erkenntnis fatale Folgen: den Ausschluss aus dem Paradies.

Nur noch in Visionen (Jesaja 11, Offenbarung 2,7) wird die Sehnsucht wachgehalten, bis ein wunderbares Ereignis alles verändert: Der Tod, der Sünde Sold, wird überwunden durch den einen Menschen, Jesus Christus! So darf ich mich freuen am neu grünenden Baum im wieder aufgeschlossenen Garten Eden: an den Blättern und Zweigen seines ewigen Wortes, an den Früchten seiner Heilstaten und Wunder, an Stamm, Wurzeln und Krone seines ­Heiligen Geistes vom Himmel.

Ein ungarisches Lied aus dem 17. Jahrhundert findet bewegende Worte für die Qualen des Opferlammes. Es ist das Verdienst des 2002 verstorbenen ehemaligen Frankfurter Propstes und Autors vieler neuer Kirchenlieder, Dieter Trautwein, unter Beibehaltung der sapphischen Strophenform, den Inhalt so ins Heute transformiert zu haben, dass uns am Sonntag Okuli die Augen geöffnet werden für die Passion als Erlösungsweg.

Seit dem Sündenfall leben wir nicht mehr in ­Einklang mit der Natur. Vielmehr leidet diese unter unseren Ansprüchen und Eingriffen. Das Gebet des Dichters um Wandel von Grund auf (EG 96,3) soll auch mein Gebet sein und alle Menschen der Welt müssten es beten. Weil darin auch ein Aufruf zu ­erkennen ist, sich vom verschwenderischen ­Lebensstil abzukehren.

Außerdem wird darin die Gewissheit deutlich, dass bei aller Schwere vormals erlittenen Unrechts Beziehungen geheilt werden können durch die Vergebung, wie sie Jesus praktiziert hat. So kann ich dieses Lied singen, mit allen Heiligen im Chor und im Hinblick auf Ostern, mit Aussicht auf Frieden und immerwährende Freude.

Gottfried Steffen
Kantor i. R. in Sömmerda

aus GLAUBE+HEIMAT Nr. 11/2012, 11. März 2012

 

4. März

Dann ist Rettung in Sicht

Wenn wir in höchsten Nöten sein und wissen nicht, wo aus noch ein, und finden weder Hilf noch Rat.
(Evangelisches Gesangbuch 366,1)

Johann Sebastian Bachs "Orgelbüchlein" war und ist für "anfahende Organisten" (wie Bach selbst schreibt) eine praxisnahe Orgelschule. Auch ich durfte als Jugendlicher im Unterricht in der Zeitzer Michaeliskirche viele dieser kunstvollen ChoralBearbeitungen spielen. Das Vorspiel zu "Wenn wir in höchsten Nöten sein" sprach und spricht mich in ganz besonderer Weise an.
Dichter des Liedes war 1566 der Wittenberger Professor Paul Eber, Stadtpfarrer in der Nachfolge von Johannes Bugenhagen und Generalsuperintendent. Er übersetzte und bearbeitete dazu eine lateinische Vorlage von Joachim Camerarius, der zu seiner Zeit als berühmter Wissenschaftler galt und die Biografie Melanchthons schrieb. Johann Baptista Serranus (Seeger) schuf 1567 die Melodie. Das Lied entstand zur Zeit der Türken- und Pestgefahr sowie des sich anbahnenden Schmalkaldischen Krieges.
Inhaltlich schwingen Zitate aus dem 107. Psalm mit: "Die zum Herren riefen in ihrer Not" oder "und er errettete sie aus ihren Ängsten". Inhaltliche Verwandtschaften hat das Lied auch mit dem Luther- Choral "Aus tiefer Not schrei ich zu dir". Diesem liegt der 130. Psalm "Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir" zugrunde.
Bis heute gibt es oft Gelegenheit, an dieses Lied zu denken oder Strophen daraus zu singen. "Wenn uns Leid begegnet, sehnen wir uns nach einem Zeichen Gottes. Dabei wurde es uns gerade zuteil", schrieb die amerikanische Autorin Mignon McLaughlin. Leid entsteht meistens dann, wenn Menschen Gottes Ordnung stören, Hass säen oder Raubbau an der Natur betreiben.
Gott gibt uns dann Zeichen zur Umkehr, die wir wohl auch in Form von Leid und Not spüren. Wenn wir versuchen, es besser zu machen, ("gehorsam sein nach deinem Wort", wie es in der 7. Strophe heißt), ist Rettung in Sicht, für uns selbst und für ­unsere Erde.

Matthias Böhlert
Kirchenmusikdirektor in Salzwedel

aus GLAUBE+HEIMAT Nr. 10/2012, 4. März 2012

 

26. Februar

Von Anfang an Beschenkte

    Ach bleib mit deiner Gnade bei uns, Herr Jesu Christ.
    (Evangelisches Gesangbuch 347,1)

In einer Gesellschaft, die die Ware Arbeit vielerorts zum politischen Druckmittel herabwürdigt, kann ich einem Beruf nachgehen, der mich allwöchentlich musizierend mit zahlreichen Menschen aller Generationen verbindet. Da ist es kein Wunder, dass ich mir unter dem eher altmodischen Wort Gnade etwas vorstellen kann. Und dennoch muss auch ich darauf achten, dass das Bewusstsein für dieses ­Geschenk nicht zu oft durch das Alltagsgeschäft ­verschüttet wird.
Vielleicht nimmt sich deshalb die von gleichmäßigen Viertelnoten dominierte Melodie unseres Wochenliedes am Anfang einer jeden Strophe eine ausgedehnte Halbenote Zeit für das Wörtchen "Ach", nicht um der uns gern nachgesagten Leidenschaft für's Jammern ein Podium zu geben, sondern um uns darauf aufmerksam zu machen, dass es für uns wichtig ist, regelmäßig achtsam innezuhalten und ganz bei uns zu sein.
Damit wir das, was in uns und um uns passiert, richtig einordnen können. Damit unter den zahllosen Eindrücken immer genug Raum für die Erkenntnis in uns ist, dass wir vom ersten Atemzug an Beschenkte des Lebens sind. Auch wenn wir gerade die wichtigsten Dinge nicht aus eigener Kraft festhalten können.
Die Formulierung "bleib mit deiner Gnade bei uns" setzt es klar voraus: Die wohlwollende Zuwendung, so wird das Wort im Internet erklärt, ist längst bei uns. Es geht also darum, das Vertrauen in uns zu stärken, dass dieser schwer fassliche Zustand in allen Situationen unseres Lebens tragen kann.
Ich bin sicher, dass die eigene Kraft in manchen Zeiten dafür nicht ausreicht. Manchmal muss dieses Geschenk auch durch die persönliche Zuwendung anderer Menschen erlebbar werden.
Verschiedentlich können auch wir solche Menschen sein und einem wachen Blick dafür sollte unser Innehalten ebenfalls dienen. Und schließlich: Das Lied zeigt, dass singen auch beten ist.

Jens Goldhardt
Propsteikantor und Kirchenmusiker in Gotha

aus GLAUBE+HEIMAT Nr. 9/2012, 26. Februar 2012

 

 

19. Februar

Hier und heute Verantwortung übernehmen

Lasset uns mit Jesus ziehen, seinem ­Vorbild folgen nach, in der Welt der Welt entfliehen auf der Bahn, die er uns brach.
(Evangelisches Gesangbuch 384,1)

Nein, ich will nicht der Welt entfliehen; ich will nicht immer schon zum Himmel reisen! Seinem Vorbild nachzufolgen ist ein ganz und gar ­irdisches, alltägliches Geschehen. Dazu gehört die Liebe, mit der ich anderen begegne genauso wie mein Wille, den täglichen Anforderungen gerecht zu werden.
Ich halte das nicht nur für legitim, sondern gottgewollt. Jeden Tag in der Nähe Gottes zu sein, Jesus und mit ihm viele andere Menschen als Gottes-Ebenbilder an meiner Seite zu wissen, das bedeutet für mich, auf Erden schon dem Himmel nahe zu sein. "Treuer Jesu, bleib bei mir, gehe vor, ich folge dir."
"Lasset uns mit Jesus leiden, seinem Vorbild werden gleich" - Nein, ich will nicht unglaubwürdig werden, denn ich leide nicht wirklich und ich werde nicht einfach so leiden; auch bin ich nicht arm und werde meine Habe nicht einfach so aufgeben. Das Bedenken des Passionsgeschehens heißt nicht, Leidenssehnsucht zu entwickeln. Es bedeutet für mich vielmehr, fremdes und eigenes Leid, da wo es auftritt, ernst zu nehmen, Geduld aufzubringen und Geduld zu erfahren, Hoffnung zu wecken und Hoffnung zu spüren, zu trösten und mich trösten zu lassen, damit ich auch stellvertretend beten kann: "Jesus, hier leid ich mit dir, dort teil deine Freud mit mir."
"Lasset uns mit Jesus sterben" - Nein, ich möchte noch nicht sterben, ich werde auch meinen Leib nicht töten. Im Gegenteil: Ich habe hier Verantwortung für dieses Leben und werde deshalb meinen Leib versuchen gesund zu erhalten, nicht nur medizinisch. Ich will nicht der Gefahr erliegen, auf mein körperliches und seelisches Wohlbefinden keinen Wert zu legen.
Aber ich versuche mein Leben so zu gestalten, dass ich, wenn die Zeit kommt, mit der Hoffnung auf das Leben bei Gott sterben kann: "Jesus, dir ich lebe hier, dorten ewig auch bei dir" (EG 384,4).

Beate Besser
Propsteikantorin und Kirchenmusikerin in Schönebeck

aus GLAUBE+HEIMAT Nr. 8/2012, 19. Februar 2012

 

12. Februar

Damit wir auch heute den Boden bereiten

Dass wir nicht Hörer nur allein des Wortes, sondern Täter sein, Frucht hundertfältig bringen.
(Evangelisches Gesangbuch 196,2)

Das Gleichnis vom Sämann im Lukasevangelium beschreibt David Denicke in seinem Lied. Ein Mann sät seinen Samen in viererlei Boden. Einige Samen fallen auf den Weg und werden zertreten, manches fressen die Vögel auf. Anderes fällt auf Felsen und kann dort nicht wachsen, weil es zu wenig Feuchtigkeit bekommt. Und einiges fällt mitten unter die Dornen und wird dort erstickt. Doch mancher Samen fällt auf gutes Land und kann wachsen und Frucht bringen. "Wer Ohren hat zu hören, der höre!" - Mit diesen Worten endet das Gleichnis.
Der Liederdichter, studierter Rechtswissenschaftler und Philosoph, lebt im Zeitalter des Barock. Der christliche Glaube wird in dieser Zeit sehr ernst genommen. Die Geschichte ist bekannt. Der Glaube spiegelt sich in allen Lebensbereichen wider. Auf der einen Seite die Lebenshaltung des "Carpe diem", "Nutze den Tag", auf der anderen das "Memento Mori" - "Denke daran, dass du sterben musst".
Bedrückende gesellschaftliche Verhältnisse sind an der Tagesordnung. Prunk, Lebensgenuss und Völlerei werden vom mächtigen Adel negativ vorgelebt. Der 30-jährige Krieg hat viele Tausend Menschenleben gekostet und das Land war vielerorts verwüstet.
Einzig Glaubensbilder und Geschichten der Bibel sollen den Menschen nahe sein. Sie können Trost geben und Hoffnung machen, dass die Lebensumstände, in welchen sie jetzt leben, nicht das Letzte sein werden. Gottes Worte wirken weiter. Das war dem Liederdichter wichtig.
Vielleicht sind uns heute die beiden Grundstimmungen aus der damaligen Zeit gar nicht so fremd. Als Christen können wir in den alten Geschichten der Bibel immer wieder ein kritisches und Mut machendes Korrektiv finden für unsere Zeit. "Wer Ohren hat zu hören, der höre!", damit wir einen Boden bereiten, auf dem Glaube und Gerechtigkeit für die uns anvertraute Welt gedeihen kann.

Pastorin Gabriele Schmidt, Eisenach

aus GLAUBE+HEIMAT Nr. 7/2012, 12. Februar 2012

 

5. Februar

Worauf es im Glauben ankommt

Daran ich keinen Zweifel trag, dein Wort kann nicht betrügen.
(Evangelisches Gesangbuch 342,5)

"Martin Luther hat mit seinen Liedern mehr Seelen ermordet als mit seinen Schriften und Predigten." - Das behauptete ein Jesuitenpater im 17. Jahrhundert, und von ihm aus gesehen hat er Recht gehabt! Die Reformation hat sich vor allem durch den Gemeindegesang verbreitet.
Reformation: das war Glauben zum Lesen, zum Hören und zum Singen. So auch das Lied von Paulus Speratus (1484-1551) "Es ist das Heil uns kommen her ..." - Mit diesem Lied kann sich jeder und jede leicht merken, worauf es im christlichen Glauben ankommt: Auf Christus kommt es an - nicht auf mich: "Mein guten Werk, die galten nicht ... zur Hölle musst ich sinken."
Der Glaube ist dadurch bei sich selbst, dass er sich ganz auf Christus verlässt. Und weil Gott alles für mich getan hat, darum brauche ich nichts mehr für ihn zu tun. Und alles, was mir an Kraft, an Fantasie, an Möglichkeiten bleibt, das kann und darf ich meinem Nächsten zugutekommen lassen, dem Menschen, der mich hier und jetzt braucht. Und es gibt nahe Menschen, die mich brauchen, und es gibt ferne Menschen, die mein Gebet brauchen, mein Interesse, mein Geld!
Geistliche Lieder, das ist Glauben, den man singen kann. Liedstrophen kann man sich gewöhnlich leichter merken als Bibelverse. Und weil sich die Texte mit Melodien verbinden, darum nehmen die Melodien sie mit in das Herz.
Eine Kirche, die das Singen aufgibt, gibt sich selber auf. Eine Kirche, die sich ihre Musik nur noch vom mp3-player holt, hat sich abgewickelt. Nicht die Musik als solche ist es, die die evangelische Kirche kennzeichnet, es ist der Gemeindegesang, durch den der Herr den Glauben weckt, stärkt und erneuert:
"Daran ich keinen Zweifel trag, / dein Wort kann nicht betrügen. / Nun sagst du, dass kein Mensch verzag / - das wirst du nimmer lügen -: / Wer glaubt an mich und wird getauft, / demselben ist der Himmel erkauft, / dass er nicht werd verloren." (EG 342,5).

Martin Filitz
Senior des Reformierten Kirchenkreises

aus GLAUBE+HEIMAT Nr. 6/2012, 5. Februar 2012

 

29. Januar

Ein frühes Liebesbekenntnis

Lass uns in deiner Liebe und Kenntnis nehmen zu, dass wir am Glauben bleiben.
(Evangelisches Gesangbuch 67,3)

Manche Dinge ändern sich wohl nie. Der Ruf nach der Bestärkung im Glauben zählt ganz sicher dazu. Die junge Elisabeth Cruciger, Verfasserin unseres Wochenliedes, war die erste evangelische Lieddichterin.
Geboren um 1500 als Elisabeth von Meseritz, wuchs sie in einer pommerschen Adelsfamilie auf; wie damals nicht unüblich, kam sie schon als Kind in das Prämonstratenserinnenkloster Marienbusch bei Treptow an der Rega. Dort lernt sie Johannes Bugenhagen kennen, der, begeistert von der neuen Lehre Luthers, im nahegelegenen Männerkloster unterrichtet.
Viele Menschen zieht er in seinen Bann, so auch Elisabeth von Meseritz. Als er Pommern verlässt, folgt ihm Elisabeth nach Wittenberg. Dort wird sie von der Familie Bugenhagens aufgenommen. Sie findet in ihrem Glauben an Jesus Halt in dieser schweren Zeit, die sie als entlaufene Nonne durchmacht. Sie sucht gemäß der neuen Lehre einen direkten Zugang zu Gott - ohne Umweg über Priester und Heilige.
In dieser Zeit entsteht der Text des Liedes. Gott hat Jesus aus Liebe zu uns Menschen gesandt, und in dieser Liebe sollen die Menschen Jesus erkennen und ihn lieben, seine "Süßigkeit im Herzen" schmecken. Er soll ihr Liebster sein, nach dem sie sich stets verzehren sollen. Mit diesem Liebesbekenntnis schrieb Elisabeth das erste Jesuslied der evangelischen Kirche.
Martin Luther ist von dem Lied so angetan, dass er es 1524 im Wittenberger Chorgesangbüchlein, einem der ersten evangelischen Liederbücher, veröffentlicht - anonym, denn es ist noch nicht üblich, dass sich Frauen zu religiösen Themen äußern. Elisabeth verlässt 1524 die Familie Bugenhagen und heiratet den Theologen und Lutherschüler Caspar Cruciger, mit dem sie zwei Kinder haben wird. Als sie 1535 stirbt, ist sie eine der Mütter der Reformation.

Laura Schildmann
Kirchenmusikerin in Bad Frankenhausen

aus GLAUBE+HEIMAT Nr. 5/2012, 29. Januar 2012

 

22. Januar

Was lässt den Funken überspringen?

    Lobt Gott, den Herrn, ihr Heiden all, lobt Gott von Herzensgrunde.
    (Evangelisches Gesangbuch 293,1)

Auch die Heiden? Das Lied für diese Woche gehört mit seinen zwei Strophen nicht gerade zu den Zeitblockern im Gottesdienst. Das ist kein Wunder: Der Psalm 117 ist der kürzeste des Psalters, von Joachim Sartorius 1591 meisterhaft nachgedichtet. Ich habe das Lied schon als junger Mensch gern gesungen. Das macht die schwungvolle Melodie von Melchior Vulpius, dem wir auch den Satz "Hinunter ist der Sonnen Schein" zu verdanken haben.
Bei den oben erwähnten Heiden muss ich an die Christenlehrezeit zurückdenken, an jenen demütigen Afrikaner auf der Spendendose, den ein Vers darauf als "armen Heidensohn" bezeichnete und der nickte, wenn ein Geldstück eingeworfen wurde. Der Psalmbeter meinte wohl mit Heiden alle Nichtjuden, unser Textautor alle Ungetauften - also die "noch nicht dazugehören". Das sind in meiner Stadt über 90 Prozent der Menschen. Aber warum sollen die Gott aus Herzensgrunde loben?
Davon singt die zweite Strophe: Barmherzigkeit, Wahrheit, Gnade und Gütigkeit sind Dinge, die Gott allen, nicht nur uns Insidern, bis in alle Ewigkeit überreichlich erweist - damals wie heute. Begreifen wir das? Da fällt mir jenes Video auf Youtube ein, wo eine Frau in einem amerikanischen Konsumtempel laut Händels "Halleluja" ins Handy singt und viele mit einstimmen. Warum tun die das? Weil Händels Musik so cool ist? Was lässt hier den Funken überspringen? Ich kann mir so eine Situation bei uns kaum vorstellen. Trotzdem wäre es genau das, wovon wir im Wochenlied singen.
Andererseits: Haben wir als Insider das Gotteslob gepachtet oder was tut der Männerchor (deren Sänger ich vor 25 Jahren als erklärte Atheisten kennenlernte), wenn er in der Adventszeit "Kommet ihr Hirten" singt? Es ist wohl so, dass die Mission weniger im Gottesdienst oder in den innerkirchlichen, oft mit Aufwand und Liebe vorbereiteten Veranstaltungen passiert, sondern da, wo wir es kaum erwarten. Sollen wir dann auch noch "Halleluja" singen? Gerade dann!

Christoph Noetzel
Kreiskantor im Kirchenkreis Merseburg

aus GLAUBE+HEIMAT Nr. 4/2012, 22. Januar 2012


15. Januar

Den Glauben hinausposaunen in die Welt

    Gottes Sohn ist kommen uns allen zu Frommen hier auf diese Erden.
    (Evangelisches Gesangbuch 5,1)

Gottes Sohn ist kommen; ja, er kam, wie alle Menschen: Nackt, unschuldig, wehrlos lag er da in der Krippe, uns allen zu Frommen. Nein, er kam nicht nur für die Frommen; nicht nur für die Juden; er kam für alle Menschen. Sowohl Hirten als auch Weise aus dem Morgenland kamen zu dem neugeborenen Kind. Die, die sich aufmachten, um dem predigenden Jesus nachzufolgen, waren Fischer, Zöllner, einfaches Fußvolk, keine studierten Theologen.
Wer das Kind in der Krippe recht erfassen will, muss zuvor arm werden. In unserem Leben gibt es viel zu viel unnützes, profanes, Zeug, das wir für das eigentliche Leben gar nicht brauchen und was uns abhält, unsere Beziehung zu Gott noch inniger werden zu lassen.
Gott hat uns durch Jesus von der Sünde entbunden. "Heut schließt er wieder auf das Tor zum schönen Paradeis", singen wir zu Weihnachten. Wir sind erlöst, frei. Leben wir es? Können wir, kann das unser Verstand fassen? Welche (Berge versetzende) Kraft müsste durch solchen Glauben entstehen. Wir müssten viel mehr jubelnd durch diese Welt laufen, um andere Menschen anzustecken von dem neuen Leben, das Jesus uns schenkt.
Ich habe den Eindruck, dass Gottes Geist in der Kirche in Europa gar nicht recht zur Entfaltung kommen kann, weil wir es verhindern. Wir nehmen uns zu wenig Zeit für (gemeinsame) Gebete, das Bibellesen, den Gottesdienst. Von 168 Stunden in der Woche bleibt nur eine Stunde für den Gottesdienst. Aber die Klöße müssen um 12 Uhr auf dem Tisch stehen! Wann erzählen Christen untereinander von den Erlebnissen mit Gott?
Wie das Lied der vorigen Woche, so ist auch dieses Lied der Böhmischen Brüder ein Glaubensbekenntnis. Sie sangen ihre Lieder einstimmig a-capella im Stehen. Wir müssen wieder lernen, beim Singen in unseren Gottesdiensten aufzustehen, damit die Stimme ordentlich klingen kann und wir unseren Glauben hinausposaunen in diese Welt!

Hartmut Meinhardt
Stadtkantor in Bad Salzungen

aus GLAUBE+HEIMAT Nr. 3/2012, 15. Januar 2012

 

8. Januar

Wie ein Gruß aus ferner Zeit

O süßer Herre Jesu Christ, der du unser Erlöser bist, nimm heut an unsre Danksagung - aus Genaden!
(Evangelisches Gesangbuch Nr. 68)

Ein wirklich uraltes Lied ... und dann noch "süßer" Jesus - wo wir doch gerade erst die zuckerigen Lieder "Stille Nacht" oder "Süßer die Glocken nie klingen" hinter uns gelassen haben! Und doch: Ich liebe dieses Lied mit seiner schwebenden Melodie, seiner unbeholfenen Silbenzählung und dem ausdrucksstarken Text: "süßer", nicht "lieber" muss es heißen!

In acht kurzen Strophen dichtete der Böhmische Bruder Michael Weiße (1488-1534) ein nachweihnachtliches Lied, welches den Dank für die Menschwerdung Christi mit dem Ausblick auf seinen Leidensweg und die Existenz der Kirche auf Erden und im Himmel verbindet - und das alles echt reformatorisch: "aus Genaden".

Die Melodie ist ein altkirchlicher Hymnus. Würde man sich dazu bewegen, käme ein Schreiten und Hüpfen heraus, eine Wendung und Verbeugung vor dem Licht, das in die Welt gekommen ist. Als ­Organistin mag ich die Bearbeitung dieses Liedes von Volker Bräutigam in seinen "Präludien über Weihnachtslieder", die dieses schwebende Metrum aufnimmt, Motive des Chorals spielerisch verändert und schließlich die Bodenhaftung herstellt.

Eines von 157 Liedern des "Böhmischen Gesangbuches", des umfangreichsten reformatorischen Liederbuches, grüßt uns da aus fernen Zeiten, die uns durch die Besinnung auf das anstehende Reformationsjubiläum wieder nähergebracht werden. Weiße hat Kontakt zu Martin Luther gepflegt. Nachweislich kannte Luther seine Lieder und übernahm einige in sein Wittenbergisches Gesangbuch.

Ich möchte mir vorstellen, dass er unser Lied zur Lautenbegleitung im Kreise seiner Familie und Schüler in der weihnachtlichen Stube sang - mit dankbarem Herzen für die Geburt Jesu, des süßen (nicht süßlichen) Christkindes. Lassen wir uns vom Danken für unsere Erlösung anstecken und das neue Jahr mit Freude und in Freiheit beginnen!

Martina Apitz
Kirchenmusikdirektorin in Köthen

aus GLAUBE+HEIMAT Nr. 2/2012, 8. Januar 2012

1. Januar

Damit wir sicher schreiten

Der du die Zeit in Händen hast, Herr, nimm auch dieses Jahres Last und wandle sie in Segen.
(Evangelisches Gesangbuch 64,1)

Eigentlich kann man hier nicht Schluss machen mit dem Text von Jochen Klepper, der uns zum Jahreswechsel entgegenkommt, denn Gedichte sind keine Steinbrüche, sie müssen bis zum Ende gelesen, Lieder erst recht zu Ende gesungen werden. Welche Melodie klingt in Ihnen beim Lesen dieses Textes? Die aus dem alten EKG aus reformatorischer Zeit, die noch immer viel gesungen wird, oder die 1960 von Siegfried Reda eigens zum Text komponierte aus dem aktuellen Gesangbuch?

Beide passen hervorragend zu Kleppers Gedicht, nachdenklich, ein bisschen schwermütig, beides keine "Eintagsfliegen-Melodien". Und doch empfinde ich: Die neue Melodie ist näher dran an dem, was der Dichter zu sagen hat!

Obwohl Klepper eigentlich schon verboten war, konnte sein 1937 entstandenes Gedicht am Neujahrstag 1938 in der "Deutschen Allgemeinen Zeitung" abgedruckt werden. Unendlich weit entfernt scheinen wir und unsere "Lasten" von denen der ausgehenden 1930er Jahre. Oder kann man Lasten nicht gegeneinander aufwiegen? Was drückt uns?

Die persönlichen Sorgen um die Liebe(n) im Familien- oder Bekanntenkreis, das Unerledigte des vergangenen Jahres, Bruchstückgebliebenes, alles, was so anders werden sollte, aber da standen die Zwänge dagegen - von den Lasten unserer Welt, Gewalt, Katastrophen, Klimawandel, Wohlstandssucht, Gier gar nicht erst anzufangen ...

Die Zeile "und wandle sie in Segen" ist bei Reda ein Melodoiezitat: "Ich bitt, erhör mein Klagen" singen wir genauso in EG 343. Sicher kein Zufall. Unsere Lasten dürfen Gott geklagt, bei ihm abgeladen werden.

"Du" ist das am häufigsten verwendete Wort im Klepper-Text, du, der Ewige, du, der Schöpfer unseres Lebens, du, der Gnade verleiht, du, der Vollender.

Unsere Zwiesprache mit Gott, unser Gebet, unsere Bitte für 2012 "und führe uns an deiner Hand, damit wir sicher schreiten".

Dietrich Ehrenwerth
Landeskirchenmusikdirektor, Erfurt

aus GLAUBE+HEIMAT Nr. 1/2012, 1. Januar 2012

 

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